Gefühlvoll und aufmerksam

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daisyyyyy Avatar

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Der Titel "Mit beiden Händen den Himmel stützen" von Lilli Tollkien, lässt bereits erahnen, dass das erzählte Leben kein Leichtes gewesen sein kann. Die Protagonistin Lale wird in ein Umfeld geboren, das man sich kaum ungewöhnlicher vorstellen kann. Ihre Erziehungsberechtigten sind eine Männer-WG der 80er Jahre, in der Antiautorität, Alkoholismus und Übergriffigkeit großspurig ausgelebt werden, aber trotz allem auch viel Herzlichkeit, Aufmerksamkeit und echte Fürsorge stattfinden. Hier wird keine Tragödie erzählt, die als Mahnmal für die Gefahren von verantwortungslosen Eltern dienen soll, sondern eine komplizierte Kindheit mit komplexen Folgen.

Trotz all der schweren Schicksalsschläge, die Lale widerfahren, spürt man ihre ambivalente Haltung zu dem Geschehenen, da natürlich auch positive Erinnerungen und warme Gefühle in ihrem Aufwachsen nicht vollends ausgeblieben sind. Tollkien schafft es hier unglaublich geschickt, einen Ton zu treffen, der kindliche Naivität und erwachsene Reflexion zu einem komplexen Mosaik gemischter Empfindungen verknüpft. Sie nutzt dabei so präzise und nachvollziehbare Metaphern für Lales Gefühlswelt, dass die Geschichte sehr immersiv und lebendig wirkt.

Das Buch scheint mehr oder weniger in zwei Abschnitte gegliedert zu sein und breitet zunächst die Kindheit Lales aus, bevor ihre Flucht vor alldem in ihrer Jugend und im Erwachsenenalter beginnt. Stilistisch wird im zweiten Teil auch die Erzählung sprunghafter, findet wenig Abschlüsse und springt von Kapitel zu Kapitel, wie die Figur Lale selbst. Künstlerisch ist das sehr interessant und wahrscheinlich gewollt, doch überträgt sich diese Unruhe der Erzählung beim Lesen sehr. Ich fände das auch völlig in Ordnung, wenn das Ende nicht so abrupt käme. Ich hatte das Gefühl, diese Geschichte ist noch nicht auserzählt und hetzt etwas ihrem eigenen Ende entgegen, obwohl mir ein dritter Abschnitt über ein Ankommen, ein Ende der Flucht, sehr lieb gewesen wäre. Sicherlich ist das für einen autofiktionalen Roman schwierig, aber dafür hätte es sich meiner Meinung nach gelohnt, den fiktionalen Aspekt auszudehnen und ein passendes Ende auszuschmücken. Oder alternativ bei der Wahrheit zu bleiben und den Bruch am Ende stärker auszubauen, damit die harte Realität des ausbleibenden Happy Ends weniger fade hereintaumelt.

Abgesehen davon hat mir das Buch wirklich sehr gefallen und spricht stilistisch sicherlich ein großes Publikum an, da es feinfühlig und mit aufmerksamen Beobachtungen arbeitet, ohne dabei zu speziell und unverständlich zu werden. Daher definitiv eine Empfehlung meinerseits für alle, die eine interessante Geschichte mit viel Herzblut suchen, bei der es nicht langweilig wird.