Großartiger Debütroman

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jenny160614 Avatar

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"Ich halte deine Hand mit beiden Händen und drücke sie an meine Brust wie ein Plüschtier. Er entzieht sie mir, legt sie auf meinen Kopf, ein warmes Dach. Wie er "jetzt schlafen aber gut" sagt, "ich geh mal rüber in die Kneipe". Und wie ich darunter wohnen möchte, unter den Händen meines Vaters".

Lale Berlin geboren und aufgewachsen in Berlin. Ihre Mutter ist hochgradig süchtig. Aufgrund eines fahrlässig verursachten Unfalls wird ihr schließlich das Sorgerecht entzogen. Von da an wächst Lale in einer Männer-Kommune auf, in der unter anderen auch ihr leiblicher Vater wohnt.

In diesem Umfeld, einem sozialen absolut niederen Brennpunkt, erfährt sie nahezu keine Grenzen. In der WG existieren kaum Tabus, wodurch Lale dieser Zustand zunehmend als Normalität suggeriert wird.

"Aber ich trage zu viel Wut in mir. Alles was glänzt, mache ich kaputt"

Selbst meistert sie ihr Leben auf eher wackeligen Beinen, schafft es dennoch bis zum Abitur. Sie ist kontinuierlich auf der Suche nach sich selbst, nach Sicherheit und Geborgenheit und zugleich auf der Flucht vor ihren inneren Dämonen. Der Zerfall ihrer Bezugspersonen wird dabei erschreckend, fast schon bildhaft dargestellt.

Schnell wird klar,- so grausam die Tage in Lales Leben auch waren, bilden sie vermutlich nur einen Bruchteil ihrer erlebten Realität ab. Das Gehirn vermag es, durch sein eigenes Schutzprogramm - die Dissoziation oder das Verdrängen,- Dinge zum bloßen Überleben grandios zu umgehen.
​Die Frage, was aus Kindern suchtkranker Eltern wird, lässt sich dennoch nur schwer pauschalieren. Sicher ist jedoch, bestätigt durch die Forschung zur Epigenetik, dass die körpereigene Regulation von Dopamin, Endorphinen und Serotonin von Anbeginn gestört ist. Dies legt oft den Grundstein für eine tief sitzende Leere, die ein Leben lang nach Kompensation verlangt.

„Der Wunsch, einen Namen zu bekommen für das, was mich aushöhlt, ist so groß, dass ich beginne, die Symptome der anderen nachzuahmen. Als gäbe es etwas zu gewinnen, sammle ich Symptome und Diagnosen wie Sticker für ein Bonusheft. Ich frage mich, ob das Problem im Kopf liegt, hinter meiner Stirn.“

Es schockiert, es resigniert, verletzt und lässt einen trotz allem stellenweise hoffnungsvoll zurück.