Große Leseempfehlung

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nightingowl Avatar

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Selten hat mich ein Buch dermaßen berührt, dass ich aus vielen verschiedenen Gründen weinen musste. Meine Stimmung während der Lektüre wechselte von traurig zu wütend zu hoffnungsvoll... Und wieder zurück zu traurig und wütend.
Ich habe schon einige Fotos des Buchs im Sonnenlicht gesehen und auch meins sieht so ähnlich aus: Das Cover ist wirklich schön mit sehr stimmigen Farben. Den düsteren Inhalt dahinter lässt sich erstmal nicht erahnen. Anhand der Leseprobe konnte ich natürlich einiges erahnen, aber vieles hat mich dann doch eiskalt erwischt. Teils fühlte ich mich an "Die schönste Version" von Ruth-Maria Thomas erinnert, um ein paar Jahrzehnte versetzt.
Lilli Tollkiens spannt in "Mit beiden Händen den Himmel stützen" den Bogen von der Geburt der Protagonistin Lale bis hin zur Entbindung ihres Kindes. Hier und da werden einige Ana- und Prolepsen eingebaut, die Erzählung hält sich jedoch an eine chronologische Struktur. Die meisten der losen Fäden werden im Laufe der Handlung wieder aufgenommen, was mir sehr gut gefallen hat. Allgemein war ich sehr begeistert von Tollkiens Schreibstil und wie sich die Kreise wieder geschlossen haben: Es gibt einen sog. Title-drop (der Titel des Werks wird innerhalb des Werkes ausgesprochen oder erwähnt), wiederkehrende Figuren, Elemente und Zitate. Somit fühlte sich auch die Handlung geschlossen an, als ich das Buch zugeklappt habe.
Lale ist eine Protagonistin, mit der ich einfach nur mitfühlen konnte. In ihr steckt so viel Schaffenskraft, Neugier und Kreativität, alles wird jedoch im Keim erstickt. Manchmal wollte ich die Seiten anschreien: "Kann da mal eine Person intervenieren?" Teilweise hätte ich das Buch gern von mir geschmissen, aber nicht aufgrund schlechten Inhalts, sondern um den männlichen erwachsenen Figuren einen ordentlichen Schwindel zu verpassen und sie zur Vernunft zu schütteln. Bereits ihre Geburt als Tochter einer drogenabhängigen Mutter beginnt als Kampf, den sie sich als Säugling nicht ausgesucht hat und trotzdem bestehen muss. Ihr Leben ist geprägt von Grenzüberschreitung und Ausnutzung. Als sie mit zweieinhalb Jahren von einem Freund ihres Vaters als Pflegekind in Obhut genommen wird, betont der letzte Abschnitt den finanziellen Vorteil dahinter: "Karlheinz' aktuelle Beziehungskiste, Marianne, ist ihm dabei als Alibi nützlich, um ein Pflegekind in eine Männer-WG aufzunehmen. Vom Jugendamt gibt es monatlich 700 Mark für die Pflegschaft" (S. 13).
In diesem Abschnitt steckt auch ein weiterer Aspekt, der mich zum Platzen gebracht hat: Der latent sexistische Umgang mit Frauen. "Nützlich", genau das sind sie für die Männer der WG. Für das eigene Ego, die eigene Lust, die eigene Unfähigkeit, alleine zu sein, das eigene Ansehen innerhalb der Männer-WG. Stehen die Frauen für ihre Grenzen oder das Fremdgehen der Männer ein, werden sie schnell als "verrückt" betitelt. Von klein auf ist Lale mit dem lockerroom talk der menners am Küchentisch konfrontiert, was maßgeblich ihr Selbstbild prägt. Wobei das noch einer der "harmloseren" Einflüsse ist. In dieser anarchistischen Hausbesetzenden-Szene bekommt sie ohnehin viel mehr mit, als sie ihrem Alter entsprechend sollte, und was sie dementsprechend schnell nachzuahmen scheint.
Hierin erscheint mir sowieso der Ursprung (fast) allen Übels: patriarchale Strukturen. Nicht unbedingt in der anti-autoritären Erziehung liegt dieser Ursprung, sondern im Patriarchat. Lales Umgebung ist geprägt davon und die einzigen Figuren, die in diese losen Umstände Ordnung oder mal einen Funken Verantwortung einbringen wollen, sind weiblich. Und nicht selten werden sie von der Männer-WG belächelt oder - internalisierter Sexismus und male gaze lassen grüßen - es scheinen sich die Frauenfiguren um Lale kümmern zu wollen, um letztendlich wieder Ansehen bei den Männern zu erlangen. Dieser Roman ist ein Paradebeispiel dafür, wie auch in eigentlich progressiven, linksgerichteten Szenen mehrere Ismen am Wirken sind und das Patriarchat alle und alles beeinflusst.
Lales Suche nach Halt und Zuneigung liest sich durchweg glaubhaft und authentisch. Es hat mir förmlich das Herz gebrochen, als ihr beim Berichten der erfahrenen sexualisierten Gewalt als Kind nicht geglaubt wird, sie anthroposophischen Heilungsmethoden auf den Leim geht und immer und immer wieder von den Personen ausgenutzt wird, die sie liebt. Und die sie ja eigentlich auch zurück lieben, aber gebeutelt sind von Dr*gensucht und Armut, darin liegt die Crux. Als sich am Ende der Bogen mit der Schwangerschaft schließt und Lale sich kurz wie von außen selbst sehen kann - ein Säugling einer abhängigen Mutter auf Entzug im Inkubator - hat es mich wirklich zerrissen.
Meiner Meinung nach ist "Mit beiden Händen den Himmel stützen" ein starkes Buch für den Schulunterricht in höheren Gymnasialklassen. Es wird aus der Perspektive einer weiblichen Figur berichtet, präsentiert in den schönen Momenten Beispiele für Sisterhood und Selbstermächtigung, in den dunkelsten die Zusammenhänge zwischen Armut, Abhängigkeit, Klassismus und Sexismus. Ich kann es vollumfänglich empfehlen und gebe 5 von 5 Sternen.