Herausfordernd

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sternchenblau Avatar

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Aufwachsen in einer linken Männer-Kommune. Das könnte auch eine leichte Komödie sein, ich glaube, ich hatte beim allerersten Lesen der Schlagworte an so was sie „Sommer in Orange“ gedachte. „Auf dem schmalen Grat zwischen Freiheit und Vernachlässigung sucht Lale ihren Weg“ heißt es im Klappentext. Der hat mich wirklich nicht auf das Buch vorbereitet, denn „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ hat überhaupt nichts von einer Komödie.

Was Lale erllebt, ist viel mehr als Vernachlässigung, worunter noch fallen würde, dass sie schon fast stirbt, weil sie das Rohypnol der suchtkranken Mutter in die Finger bekommt. So schlimm das ist, der Missbrauch wog für mich viel schwerer und die Gleichgültigkeit, die diesen nicht sehen wollte.

Ein solches Thema in einem vermeintlich emanzipatorischen, linken Raum zu erzählen, ist zweifelsohne wichtig. Wer solche Räume kennt, weiß, dass dort gerne übersehen wird, dass es dort Patriarchat, Sexismus und Gewalt ebenso gibt, wie im Rest der Gesellschaft. Und das wird dort genauso übersehen, weil ja nicht sein kann, was nicht sein darf.

So wichtig ist das Thema finde und die Sprache von Lilli Tolkien gelungen, trotzdem kam ich nicht wirklich an das Buch ran. Ich habe lange überlegt, ob es daran liegt, dass Tolkien zwar viele ekelige Details liefert – zum Beispiel, wenn ein Besoffener auf ihren Kinderzimmerteppich pinkelt, während sie dort schläft – aber vieles dann sehr nüchtern auslassend erzählt. Überlebende solcher Taten müssen sie ja auch ertragen, ist mein Ekel dann angebracht? Nachdem ich lange über meine Rezension gegrübelt habe, glaube ich nun, dass es an der Erzählhaltung liegt. Lale erzählt ihre Geschichte als Erwachsene, nimmt uns aber die meiste Zeit dann in den kindlichen Blick. Das hat mich immer wieder unangenehm berührt, weil die Ich-Erzählerin ihr kindliches Ich irgendwie ausliefert, selbst ambivalente, unangenehme Gedanken. Vielleicht fühlte ich mich daher als „Bystander“, die trotz dieses Wissens nichts unternimmt. Aber als Lesende kann ich ja nichts tun. Diese Gemengelage fand ich wirklich herausfordernd.

Eigentlich ist mir häufig egal, wie autofiktional ein Werk ist. Hier hätte es mir aber erleichtert, weil ich mir nicht anmaßen möchte, darüber zu urteilen, ob eine Überlebende ihr Trauma adäquat verarbeitet oder nicht. Das liegt für mich außerhalb der literarischen Komponente. Teils, teils, sagte Tolkien in einem Interview auf der Verlagshomepage: „Für meinen Roman wünsche ich mir, dass man nicht bei dieser Frage nach Autofiktion stehenbleibt, sondern dass es um den Text selbst geht.“ Vielleicht stört mich das ausgelöste Unbehagen einfach zu sehr, aber es führt mich persönlich nicht weiter, gab mir keine neuen Erkenntnisse, auch nicht in Bezug auf feministische Fragen, sondern eher eine Ratlosigkeit.

Ich habe hier die ungekürzte Lesung gelesen. Sehr stimmig ist für mich die Lesung von Aileen Wrozyna, die die Jugend, Verletzlichkeit und den Trotz, der immer wieder durchklingt, sehr gut umsetzt.

Es ist definitiv nicht mein Buch. Ich bin mir sicher, dass andere das, was mich hier so hadern lässt, sicherlich begeistern. Aber ich kann ja nur aus meiner Warte bewerten: 3 von 5 Sternen.