Keine leichte Lektüre

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
missmarie Avatar

Von

“In der Kneipe zu stehen, mit dreizehn Jahren, und mit meinem Vater einen Joint zu rauchen ist meine einzige Möglichkeit zu rebellieren und zugleich der letzte Versuch dazuzugehören.”

Mit einem Heroinrausch auf der Neugeborenen-Station ist Lales Start in die Welt alles andere als glücklich. Die Mutter suchtkrank, der Vater nach einem Banküberfall im Gefängnis. Nach einer kurzen Zeit im Heim, zieht Lale zu Karlheinz in die Männer-WG am Kotti. Ein anarchisch-linkes Hausprojekt, in dem offiziell viel Wert auf antiautoritäre Erziehung gelegt wird. Inoffiziell heißt das aber: Alkohol rund um die Uhr, Dope-Kunden im Wohnzimmer und ständig wechselnde Freundinnen der Männer auf dem Sofa. Auch als ihr Vater in die WG zieht, ändert sich für das junge Mädchen - abgesehen von einem kurzen Intermezzo in Nicaragua - wenig. Denn auch er lacht über Autoritäten und Regeln und hängt Beschwerden der Lehrerin lachend an die Wand. Dabei übersieht aber auch alle Anzeichen des sexuellen Missbrauchs, den Lale unter dem Deckmantel der Antiautorität ausgeliefert ist. Ob es dem Mädchen gelingt, als Frau ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben zu führen?

Wie man an der Inhaltsangabe sieht, ist Lilli Tollkiens Debüt "Mit beiden Händen den Himmel stützen" keine leichte Kost. Alkohol- und Drogenmissbrauch und sexuelle Übergriffe werden an zahlreichen Stellen thematisiert. Die Autorin kennt sich aus, arbeitet sie doch unter anderem in einer Suchtberatung. Diese Realitätsnähe merkt man dem Roman an. Genau das macht einige Kapitel schwer aushaltbar. Man wünscht sich die gesamte Lektüre über eine bessere Zukunft für Lale und ahnt doch, dass die Protagonistin ihre Geschichte stets mitnehmen wird. Besonders berührt hat mich, dass Lale so oft ihre Wahrnehmung abgesprochen wird. Die Ex-Partnerinnen ihres Vaters betonen beispielsweise immer wieder, dass die Männer in der WG alles für sich getan hätten. Alles, was sich für Lale falsch anfühlt, wird damit relativiert. Herzzerreißend sind daher auch ihre Versuche, dazuzugehören. Sei es in der WG, mit deren Mitgliedern sie schon mit dreizehn Jahren Joints raucht oder in der Grundschule voller Bewunderung für die gut sortierten Mäppchen der Mitschüler. Auch später kopiert sie stets die Menschen, die ihr nahestehen, in der Hoffnung, so zu werden wie sie.

Auch wenn "Mit beiden Händen den Himmel stützen" bei weitem keine Feel-Good-Lektüre ist, kann ich das Buch insgesamt empfehlen. Literatur soll Türen in fremde Lebenswelten öffnen. Das gelingt der Autorin ausgesprochen gut. Lales Lebenswelt wird plastisch und die Klischees über die Junkies am Kotti durch Tollkiens Figuren mehr als lebendig. Auch die vielen fast schon popkulturellen Anspielungen der 80er und 90er tragen dazu bei, dass man Dinge in Buch wiedererkennen kann.