Luft anhalten

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kwinsu Avatar

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Lale nimmt uns mit in ihre Kindheitsgeschichte, die sie auch im Erwachsenenalter noch quält. 1980er-Jahre, die Mutter heroinabhängig, der Vater ein Kleinganove, wächst sie bei einem Pflegevater und dessen Kumpanen in einer Anarcho-Kommunen-WG auf. Was ihr als Kind zugemutet wird, ist unerträglich. Dass alle die Erlebnisse, das Hin- und Herschieben, die Unzuverlässigkeiten, die stets besoffenen und bekifften Männer, die früh beginnenden sexuellen Übergriffe nicht spurlos an ihr vorüber ziehen, verwundert wenig. Als junge Erwachsene versucht sie sich ihrer Haut zu entledigen.

Dieses Buch ist ehrlich gestanden schwer zu ertragen. Sprachlich ist es eindringlich, es gibt viele starke Stellen, die ins poetische reichen, besonders wenn es um den Missbrauch geht, arbeitet die Autorin mit Andeutungen, muss nicht auserzählen was geschieht - das finde ich hervorragend. Die Art der Verwahrlosung, aber vor allem was die Männer, die sich selbst zum linken Milieu zuordnen, dem kleinen Mädchen zumuten: das ständige besoffen-und-bekifft-Sein, das sich-selbst-überlassen-Sein, diese Wurschtigkeit gegenüber dem kleinen Kind und das Krasseste: die frühe Sexualisierung des kleinen Mädchens, da entsteht ein Kloss im Hals und im Bauch und man möchte diese ekelhaften Männer schütteln und sie am besten schnurstracks ins Gefängnis befördern.

Und wären Lale die Akutsituation erstaunlich tapfer übersteht, bricht erst, als sie sich von dieser Männer-WG lösen kann, das wahre Leid aus ihr heraus. Das Verhältnis zu ihrem eigenen Körper ist eigentlich nicht vorhanden und auch mit Beziehungen tut sie sich schwer, klammert sich an jede und jeden, der ihr Aufmerksamkeit schenkt und versucht, diese Personen zu kopieren oder sich an sie dauerhaft zu binden. Dass das nicht gut gehen kann, liegt auf der Hand und so verschwindet Lale und ihr Körper immer mehr, bis es zum Zusammenbruch kommt.

Wie die Autorin in Interviews angibt, hat der Roman autofiktionale Momente - man möchte sich gar nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die so eine Tortur tatsächlich mitmachen mussten. Was Lale - und vermutlich auch die Autorin - rettet, ist das Schreiben, eine heilende Kraft, die uns dieses heftige, unverblümte und harte Buch beschert. Es ist eine Wucht, für die man viel Kraft braucht und des Öfteren das Kopfkino ausschalten sollte. Um einen positiven Aspekt hervorzuheben: die popkulturellen Bezüge - allen voran Musik, aber auch Filme, sind im Buch allgegenwärtig und sie helfen dem Mädchen - und auch den Lesenden - das ganze besser zu überstehen.

Bei der Sternebewertung bin ich mir unsicher: ich habe das Buch in einem Schwung gelesen, habe es - so absurd das bei dieser Thematik klingt - sehr gerne gelesen - und doch musste ich immer an "Siebenmeilenherzen" von Katharina Winkler denken, die den Missbrauch in kindlicher Märchenform erzählt, der Absturz als Erwachsene kommt mit der gleichen schwammigen, intensiven Realitätsverweigerung daher wie bei der Protagonistin Lale. Und doch: Winklers Buch hatte ich zuerst gelesen und das Leseerlebnis war noch einprägsamer. Nichtsdestotrotz ist "Mit beiden Händen den Himmel stützen" ein beeindruckendes Buch mit einer Intensität und Grausamkeit menschlicher Abgründe, die einem beim Lesen stetig die Luft anhalten lässt. Absolute Leseempfehlung für alle, die ein so hartes Thema lesend schaffen.