Mausoleum im Herz

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Die deutsche Autorin Lilli Tollkien beschreibt in ihrem intensiven Debüt-Roman „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ eine unsichere Kindheit ohne elterlichen Halt – geprägt von Vernachlässigung und Missbrauch. Eindringlich, verstörend und bewegend zeigt sie aber auch einen weiblichen Weg der Selbstbefreiung, der lang, schmerzhaft und steinig ist.

Lale erfährt schon im Mutterleib und nach der Geburt einen Entzug – von Drogen, aber auch von körperlicher Wärme. Ihre Eltern verbringen viel Zeit im Gefängnis, bei unterschiedlichen Liebhabern und in den Armen von Drogen. Sie wird in einer Berliner Männer-WG ihres Onkels untergebracht, wo sie zwischen Zigarettenrauch, Bierdunst und Postern von Musikern oder der Baader-Meinhof-Gruppe aufwächst. Leider erfährt sie dort auch früh sexuellen Missbrauch, der sie ein ganzes Leben lang begleiten wird. Lale verschließt ihre Gefühle, ihren Körper, ihr Herz und wird trotzdem immer wieder von Scham, Wut und Angst überwältigt. Erst in einer psychiatrischen Klinik und Qui-Gong-Gruppe erfährt sie leise Wege, wie sie ihren Körper und Geist zurückerobern kann, um sich dann alles von der Seele zu schreiben und selbst Mutter zu werden.

Lilli Tollkien schreibt aus Lales Ich-Perspektive bewegend, erschütternd und authentisch, was sie in ihrer Kindheit ohne Halt und Geborgenheit erlebt – exakte Beobachtungen in der WG und ihres Körpers, ihrem Versuch durch Imitation Sicherheit zu gewinnen oder wie sie immer wieder an Blasenentzündung leidet. Letzteres ein körperliches Symptom des Missbrauchs, welchen Tollkien nicht plakativ, aber mit deutlichen Emotionen beschreibt. Auch im späteren Verlauf von Lales Leben findet die extrem harte Handlung der Geschichte Ausdruck in wunderschönen, poetischen Sätzen, die sich tief einprägen und berühren. Auch zahlreiche Song-Textzeilen von Nico, Neil Young, Rio Reiser, Marlene Dietrich und vielen weiteren werden in den Text eingewoben und heben Lales Gefühlswelt empathisch hervor. Der lesenswerte Roman ist emotional sehr aufwühlend und schwere Kost – aber immens kraftvoll und fesselnd erzählt.