Mein Highlight im Februar

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Der Titel „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ von Lilli Tollkien hat in mir sofort ein starkes, kaum greifbares Gefühl ausgelöst. Wie soll das gehen – den Himmel stützen? ☁️
Er erzeugt eine Atmosphäre, ohne preiszugeben, wohin die Reise führt oder wie dieses Bild zu verstehen ist. Noch bevor ich die erste Seite gelesen hatte, lag etwas Schweres und zugleich Hoffnungsvolles in der Luft.

Gleich im ersten Kapitel überrascht die Autorin mit einer außergewöhnlichen Erzählperspektive, die mich als Leserin hellwach werden ließ – und tief berührte. Lale erzählt von ihrem Dasein im Bauch ihrer drogenabhängigen Mutter, von ihrem Weg auf die Welt und vom Entzug im Inkubator, den ihre Mutter nicht bewältigt hat. Dieses Bild war für mich kaum auszuhalten. Es markiert den Beginn eines Lebens, das von Vernachlässigung, Grenzüberschreitungen und dem ständigen Kampf um Daseinsberechtigung geprägt ist.

Kurz nach ihrer Geburt wächst Lale in einer Berliner Männer-WG der 1980er-Jahre auf – zwischen vermeintlicher Freiheit und tatsächlicher Verwahrlosung. „Es gab keine Verbote, ich durfte wach bleiben, solange ich wollte, durfte auf Matratzen springen, Nutella-Brote essen und Fernsehen und Fanta, so viel ich konnte.“ (S. 16)

Die schrille Erwachsenenwelt prasselt ungefiltert auf sie ein. Lale ist maßlos überfordert – nichts in ihrer Welt ist kindgerecht, nirgendwo wird sie aufgefangen oder beschützt. Unbeschwert Kind sein kann sie nie. „Wo eben ein sicherer Hafen war, ein Erwachsener, dem ich vertraute, konnte plötzlich ein glitschiger Steg sein.“ (S. 77) Ihrem kindlichen Drang folgend, den Erwachsenen zu gefallen, beginnt Lale, Erwartungen aufzuspüren, Schuld auf sich zu laden und das Verhalten ihrer „Vorbilder“ nachzuahmen. Nähe und Halt, die sie so dringend braucht, sucht sie an anderen Orten. Es beginnt eine Suche nach etwas, das sie im Außen nicht finden wird. „Ich will eine feine Dame sein, so wie die Frauen im Fernsehen, mit sauberen Fingernägeln und einem apricotfarbenen Lächeln auf meinen Lippen, in einer Küche aus Edelstahl. Aber ich trage zu viel Wut in mir. Alles was glänzt, mache ich kaputt.“ (S. 31)

Wir begleiten Lale durch ihre Jugendjahre bis hinein ins Erwachsenenalter der Gegenwart. Eindrücklich beschreibt sie ihre Erlebnisse und deren Auswirkungen auf ihr psychisches wie körperliches Wohlbefinden. Immer wieder fügt die Autorin Passagen aus dem Heute ein. Diese Einschübe setzen behutsame Hoffnungszeichen: Die Erzählerin blickt aus der Gegenwart auf ihre Vergangenheit zurück – und allein dieser reflektierende Blick ist ein Ausdruck von Überleben und Selbstermächtigung.

Sprachlich steht der Roman in einem spannungsvollen Kontrast zu Lales roher Kindheit. Die poetische, zugleich präzise Sprache erzeugt eine dichte Atmosphäre, die mich immer tiefer in die Geschichte – ja, in Lales Leben – hineingezogen hat.

„Mit beiden Händen den Himmel stützen“ ist damit nicht nur eine Geschichte von Verlust und Gewalt, sondern auch von Rückeroberung: von der langsamen, schmerzhaften Aneignung des eigenen Körpers und von dem Versuch, sich selbst wiederzufinden und die eigene Geschichte nicht länger zu verdrängen.

Dieses Buch ist schwer auszuhalten – aber es ist wichtig. Es zwingt dazu hinzusehen, wo andere wegsehen möchten. Und es zeigt, dass man selbst nach einem schweren Start ins Leben lernen kann, mit beiden Händen den Himmel zu stützen.