Räubertochter

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amalia Avatar

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Aufgrund der Drogensucht der Mutter und dem Gefängnisaufenthalt des Vaters verbring die Ich-Erzählerin Lale die ersten Lebensjahre in Obhutnahme, bis der beste Freund ihres Vaters sie adoptiert. Ab dann wächst sie bei Ihrem Vater und seien vier Mitbewohnern in einer kommunistischen Männer-WG in Westberlin in den 80er Jahren auf. Ihre Kindheit ist bestimmt von Unsicherheit, Einsamkeit und bierverklebten Wohnzimmerböden. Was nach außen wie die große Freiheit wirkt (Lale darf wach bleiben, solange sie will, so viel Zucker essen wie sie kann und auch sonst gibt es keine Regeln) ist in Wirklichkeit ein permanenter Ausnahmezustand. Wir begleiten Lale von den frühesten Kindheitserinnerungen bis zum Jungen-erwachsenen-Alter, immer wieder gibt es Zeitsprünge in denen Lale als Erwachsene und Mutter zurückblickt.

Das Buch ist in kurze, aber sehr dichte und eindringliche Kapitel unterteilt. Mir gefällt, wie sich die Sprache der Erzählerin mit dem Alter verändert, wie vermeintlich unschuldige Szenen (auf dem Schoß eines älteren Mannes sitzen) nach und nach ihre traumatische Wirklichkeit offenbaren. Das Buch ist definitiv schwere Kost, was der Klappentext nicht direkt erkennbar macht. Es ist die Geschichte einer weiblichen Kindheit in einer Patriarchalen Welt, umgeben von betrunkenen, bekifften und übergriffigen Männern, verpackt in einer jovialen Scheinhülle.

Ein bisschen enttäuscht bin ich allerdings über das Cover, das so trivial und austauschbar ist und dem gewalt(tät)igen Inhalt nicht gerecht wird. Auch wenn die weibliche Figur auf dem Umschlag der Beschreibung von Lale entspricht, habe ich das Gefühl, dass aktuell jedes zweite Buchcover nach diesem Schema entworfen wird: Gemaltes Frauenportrait + großflächigem Titel. Ich hätte mir mehr Mut gewünscht.

Alles in allem ein unglaublich starkes Debut und die düstere Anti-Erzählung zu Pipi und Ronja: Das Leben als Räubertochter hat nämlich seinen Preis!