Solange ich es nicht erzähle, ist es nicht da

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downey_jr Avatar

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Berlin in den 80er Jahren. Die Mutter von Lale ist drogensüchtig, sitzt immer wieder im Gefängnis. Also wächst das Mädchen in einer Männer-WG auf. In der Kommune gibt es Partys und Drogen, Regeln und Erziehung dagegen nicht. Trotz allen Freiheiten sehnt sich Lale nach Verlässlichkeit und Geborgenheit, stattdessen ist ihr Alltag geprägt von Vernachlässigung und s•xuellem Missbrauch.

Selten verbringt Lale mal Zeit mit ihrer Mutter, doch deren Leben ist geprägt von der Drogensucht:
„Ich glaube, mein Vater gibt ihr das Geld für den Eintritt, aber ich fühle mich geliebt, weil sie es nicht für etwas anderes ausgibt.
Wenn ich meinen Vater frage, wie es war, als er mit meiner Mutter zusammen war, antwortet er: ‚Anne war ja viel älter als ich, sie war mutig und schön.‘ Beim Abspann betrachte ich sie von der Seite und suche nach Anzeichen von Schönheit oder Mut unter ihrer fahlen Haut. Alles in ihrem Leben dreht sich um Geld, das nicht da ist, und für den nächsten Druck benötigt wird.“

Eigentlich war Lale immer eine gute Schülerin, doch dann probiert auch sie Drogen und Alkohol aus, verbringt mehr Zeit mit Party machen als mit Lernen. „Ich werde Orte suchen, an denen das Grundrauschen lauter ist als mein innerer Tumult.“

Lale wird erwachsen, scheitern jedoch immer wieder am Trauma ihrer Kindheit.
„Ich hatte versucht, es auszuhungern, es mit Essen ruhigzustellen oder mit Sex. Ich hatte versucht, es zu erbrechen, und ich machte Yoga.“, doch die Erlebnisse lassen sie nicht los.
„Erregung wird verwirrend sein. Die Feststellung, damals auf Ansgars Schoß neben dem Ekel auch erregt gewesen zu sein, wird grausam sein.“

Erst durch das Schreiben kann Lale dem Ausnahmezustand ihrer Kindheit entkommen.

„Immerfort lieh ich mir Eigenschaften, erbeutete und kategorisierte ich Fragmente aus Musik, Filmen und Romanen, weil es überall besser sein musste als in meinem Körper, überall leichter als auf besetztem Land.
[...]
Die Versatzstücke fremder Leben türmen sich vor mir auf wie ein Wäscheberg, und ich bin bloß noch ein Echo, es bleiben nur Worte.

Das Schreiben wird ein Zuhause sein. Es ist nicht, als ob ich schreibe, sondern ich schreibe.

Ich stütze den Himmel mit beiden Händen.“

Anfangs habe ich etwas gebraucht, um in die Geschichte hineinzufinden, der Schreibstil kam mir zu Beginn etwas emotionslos vor. Doch dann hatte es mich gepackt, immer stärker zog es mich in Lales Leben und Fühlen hinein. Die Story ist wirklich heftig und intensiv. Gerade im zweiten Teil wird Lales innere Zerrissenheit gut spürbar.

„Mein Herz wird ein Mausoleum sein. Alle, die ich nicht geworden bin, fristen dort ihr Wegsein. An schlechten Tagen ist es eine Leichengrube, und ich werde aus allen Poren nach Verwesung stinken. Ich werde sie mit mir herumtragen, ihr Scheitern, ihre Scham und ihr Wollen. An miesen Tagen werden sie zu Untoten und bejammern ihre verwirkten Chancen. Während ich die Wäsche mache, Spielzeug aufhebe, das Essen auf den Tisch stelle, werden sie mir auf der Brust und in den Ohren liegen. Wir sind Anfänge, die ins Leere laufen, werden sie rufen und gegen meinen Brustkorb trommeln.“

Lediglich mit dem Ende bin ich nicht ganz zufrieden, das ist mir ein wenig zu schwammig gewesen.
Ansonsten bekommt dieser Debütroman jedoch eine eindeutige Leseempfehlung mit 4⭐️ von mir und die Hoffnung, von Lilli Tolkien bald noch mehr lesen zu dürfen!

Vielen Dank an den Aufbau Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar! 📚💚