Spannend

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Dieser Roman hat mich vor allem deshalb beschäftigt, weil er ein Milieu zeigt, das sich selbst als progressiv versteht – und doch patriarchale Muster reproduziert. Lale wächst in einer Berliner Kommune der 1980er-Jahre auf, umgeben von politischem Anspruch, künstlerischer Freiheit und großen Idealen. Doch aus der Perspektive eines Kindes und besonders eines Mädchens bedeutet diese „Freiheit“ vor allem Unsicherheit, fehlende Grenzen und emotionale Vernachlässigung.

Feministisch gelesen legt der Text schonungslos offen, wie weibliche Fürsorge oft selbstverständlich erwartet, aber nicht geleistet wird – und wie männlich dominierte Räume sich als emanzipatorisch inszenieren, während Verantwortung diffus bleibt. Lales Blick ist dabei nie anklagend, sondern beobachtend. Gerade diese Zurückhaltung macht deutlich, wie tief strukturell solche Dynamiken wirken.

Sprachlich ist der Roman klar und eindringlich ohne sich in Dramatik zu verlieren. Das Cover – ruhig, reduziert, mit einer gewissen Zartheit – steht in spannendem Kontrast zur inneren Unruhe der Geschichte. Es spiegelt das fragile Gleichgewicht, das Lale immer wieder herstellen muss, um nicht unterzugehen.

Für mich ist "Mit beiden Händen den Himmel stützen" kein lauter Roman, sondern ein nachhaltiger. Einer, der zeigt, dass „Freiheit“ ohne Verantwortung vor allem für Kinder und besonders für Mädchen einen hohen Preis haben kann.