Überleben im Chaos

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Der Roman Mit beiden Händen den Himmel stützen ist kein Buch, das man beendet und einfach ins Regal stellt. Er bleibt. Wie ein Echo, das nicht verklingt. In klaren, fast schon nüchternen Sätzen erzählt er Lales Geschichte – und gerade diese sprachliche Zurückhaltung macht das Erzählte so unerträglich intensiv.

Lale wächst auf zwischen einer drogensüchtigen Mutter, einem Vater im Gefängnis und einer Männer-WG, in der es keine Regeln, keinen Schutz und keine Grenzen gibt. Die 80er flackern durch die Seiten wie Neonlicht: laut, exzessiv, zügellos. Zigarettenrauch, Alkohol, wechselnde Gestalten, eine Atmosphäre von „alles darf, nichts muss“. Doch für ein Kind bedeutet diese vermeintliche Freiheit vor allem eines: Haltlosigkeit.

Missbrauch und Vernachlässigung werden nicht dramatisch inszeniert, sondern beinahe sachlich benannt. Und genau das erschüttert. Man begreift, was es mit einem Kind macht, wenn Liebe ausbleibt, wie sich Scham, Angst und das Gefühl der Wertlosigkeit tief eingraben und bleiben. Auch Lales Jugend ist turbulent, unberechenbar, wild. Zwischen Rebellion und Selbstzerstörung sucht sie nach Nähe und stößt sie doch immer wieder von sich. Das Lebensgefühl der 80er – dieses „no future“, dieses hemmungslose Ausprobieren, wirkt hier weniger wie Aufbruch, mehr wie ein Überlebensmodus. Als müsste Lale ständig mit beiden Händen den Himmel stützen, damit nicht alles endgültig über ihr zusammenbricht.

Besonders eindringlich zeigt der Roman die Langzeitfolgen solcher Kindheit. Die Wunden verschwinden nicht. Sie wandern mit, schleichen sich in Beziehungen, in Selbstbilder, in jede Entscheidung.

Erschütternd, beängstigend und lange nachhallend – ein Buch, das weh tut, weil es so klar hinsieht.