Ungeheuer beeindruckend

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mike nelson Avatar

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Ungeheuer beeindruckend. Ich konnte gar nicht anders, als "Mit beiden Händen den Himmel stützen" von Lilli Tolkien in einem Rutsch zu lesen - und hätte mich nicht der Nachtschlaf zu sich gerufen - für dieses Buch hätte ich 'durchgemacht'. So beeindruckend kann (auto-)fiktionale Lebensgeschichte sein. Vom vorgeburtlichen Zustand bis hinein in die Lebensmitte. Lilli Tolkien beschreibt eindrücklich die Kindheit von Lale in einer Berliner Männer-WG der frühen 80-er Jahre; der Mutter ist wegen Heroinabhängigkeit das Sorgerecht entzogen, der Vater ist erst aus dem Knast zurückgekehrt; die WG begreift sich als antiimperialistisch, unterstützt Nicaragua-Projekte, aber jeder dreht sich nur um sich selbst und die ständig wechselnden Frauenbeziehungen, Drogen, Alkohol, in den Tag hinein leben. Wenn sich jemand um Lale kümmert, dann nur sporadisch oder aus eigennützigen Motiven heraus. Lale wächst auf ohne Struktur, Sicherheit und die so wichtige Zuwendung und verlässliche Wärme; sie lernt sehr schnell, wie sie sein muss, um zumindest ein kleines Stückchen der so wichtigen Aufmerksamkeit von den Erwachsenen zu bekommen. Sie erlebt Missbrauch. Sie entwickelt einen unsicheren Bindungsstil, der sie über Ihr weiteres Leben begleiten wird; sie empfindet sich nicht als Ganzes, vielmehr als Teile, die nicht zusammenpassen wollen, verschafft sich 'Hilfsidentitäten', indem sie andere imitiert. Die Autorin beschreibt Lales langen Weg zu sich selbst, ein Weg mit denkbar ungünstigen Startbedingungen und zunächst nur minimaler psychischer Widerstandskraft; dabei moralisiert Lilli Tolkien an keiner Stelle. Das kann nur jemand schreiben, der einen vergleichbaren Prozess durchlebt hat - weshalb die Geschichte so ungeheuer beeindruckt und weil Schreiben ja immer auch Verarbeitung bedeutet! Unbedingt lesen!!!