Von einer Kindheit, die nicht sein konnte
Lilli Tollkien berichtet in ihrem Buch von einer Bilderbuchkindheit. Zumindest wenn man andere Kinder fragen würde. Keine Regeln, keine Bestrafungen, Junkfood und Süßigkeiten. Erwachsene, die sie an nichts hindern, sie fast schon ebenbürtig behandeln und in die Mitte ihrer eigentlich eher jugendlich-rebellierenden Welt einladen. Wie schön doch eine Kindheit sein kann!
Lale wächst in einer Berliner Männer-WG auf, Frauen gehen ein und aus, Drogen wechseln von einer in die andere Hand. Antifaschistische Parolen werden geschwungen, der Staat, im besten Fall, müde belächelt. Eine Mutter, die sich nicht von den Drogen lossagen kann und immer abseits wandelt. Abseits der Gesellschaft, abseits ihrer Rolle als Mutter, inmitten von Selbstzerstörung. Ein Vater, der nicht in der Lage ist, Beziehungen zu führen, aber immerhin sein Bestes im Umgang mit seiner Tochter gibt, außer wenn es darum geht, aktiv hinzugucken und eine (be-)schützende Instanz zu sein. Und so wächst das geschichtenvernarrte Mädchen auf, sehnt sich nach Stabilität und ist gern in der Schule, denn „Das Beste ist […] die Normalität der anderen“ (S. 48) oder das, was sie sich darunter vorstellt.
Und in einer Lebenswelt, in der es keine Grenzen gibt, können auch keine überschritten, müssen keine beschützt werden. Und so kann ein Mädchen, das Opfer von (sexueller) Übergriffigkeit wird, in dem Glauben aufwachsen, dass es selbst der Auslöser dafür war. Und so geht ein schädliches Muster in die nächste Generation über, bis sich irgendwann jemand mutig und entschlossen dem entgegenstellt.
Die Autorin blickt relativ objektiv auf ihre Figur, weder romantisch-verklärt, noch zutiefst verurteilend. So ist der Leser selber in der Verantwortung, sich eine Meinung zu bilden von diesem zutiefst prägenden Aufwachsen und all seiner Konsequenzen. Denn die Brücke wird permanent geschlagen – von einem Kind, das nicht Kind sein kann/darf/soll/muss, zu einer Erwachsenen, die mit starken Selbstzweifeln und Unsicherheiten kämpft, nichts zu Ende führen kann und sich keiner Welt richtig zugehörig fühlt, sich aber sehr danach sehnt. Und die sich der schmerzhaften Erkenntnis stellen muss, dass erwachsen werden auch heißt, nicht nur die Normalität der anderen, sondern vielmehr die Normalität in der eigenen Biographie zu hinterfragen.
Ein intensives Buch, das zweifellos betroffen macht und ich habe mir während Lesens oft die Frage gestellt, wie es anders, wie es besser für Lale hätte sein können (und hier ist ausdrücklich nicht die Übergriffigkeit gemeint!). Hätte der Staat mehr eingreifen müssen, wäre ein Aufwachsen komplett abseits der Wurzeln besser gewesen, hätte allgemein mehr hingeschaut werden müssen? Das Buch gibt uns darauf keine Antwort und das Leben wird es auch nicht tun, aber solche Lebensgeschichten hinterlassen bei den Lesenden Spuren und sensibilisieren im besten Fall. Und das macht diese Geschichte wunderbar.
Lale wächst in einer Berliner Männer-WG auf, Frauen gehen ein und aus, Drogen wechseln von einer in die andere Hand. Antifaschistische Parolen werden geschwungen, der Staat, im besten Fall, müde belächelt. Eine Mutter, die sich nicht von den Drogen lossagen kann und immer abseits wandelt. Abseits der Gesellschaft, abseits ihrer Rolle als Mutter, inmitten von Selbstzerstörung. Ein Vater, der nicht in der Lage ist, Beziehungen zu führen, aber immerhin sein Bestes im Umgang mit seiner Tochter gibt, außer wenn es darum geht, aktiv hinzugucken und eine (be-)schützende Instanz zu sein. Und so wächst das geschichtenvernarrte Mädchen auf, sehnt sich nach Stabilität und ist gern in der Schule, denn „Das Beste ist […] die Normalität der anderen“ (S. 48) oder das, was sie sich darunter vorstellt.
Und in einer Lebenswelt, in der es keine Grenzen gibt, können auch keine überschritten, müssen keine beschützt werden. Und so kann ein Mädchen, das Opfer von (sexueller) Übergriffigkeit wird, in dem Glauben aufwachsen, dass es selbst der Auslöser dafür war. Und so geht ein schädliches Muster in die nächste Generation über, bis sich irgendwann jemand mutig und entschlossen dem entgegenstellt.
Die Autorin blickt relativ objektiv auf ihre Figur, weder romantisch-verklärt, noch zutiefst verurteilend. So ist der Leser selber in der Verantwortung, sich eine Meinung zu bilden von diesem zutiefst prägenden Aufwachsen und all seiner Konsequenzen. Denn die Brücke wird permanent geschlagen – von einem Kind, das nicht Kind sein kann/darf/soll/muss, zu einer Erwachsenen, die mit starken Selbstzweifeln und Unsicherheiten kämpft, nichts zu Ende führen kann und sich keiner Welt richtig zugehörig fühlt, sich aber sehr danach sehnt. Und die sich der schmerzhaften Erkenntnis stellen muss, dass erwachsen werden auch heißt, nicht nur die Normalität der anderen, sondern vielmehr die Normalität in der eigenen Biographie zu hinterfragen.
Ein intensives Buch, das zweifellos betroffen macht und ich habe mir während Lesens oft die Frage gestellt, wie es anders, wie es besser für Lale hätte sein können (und hier ist ausdrücklich nicht die Übergriffigkeit gemeint!). Hätte der Staat mehr eingreifen müssen, wäre ein Aufwachsen komplett abseits der Wurzeln besser gewesen, hätte allgemein mehr hingeschaut werden müssen? Das Buch gibt uns darauf keine Antwort und das Leben wird es auch nicht tun, aber solche Lebensgeschichten hinterlassen bei den Lesenden Spuren und sensibilisieren im besten Fall. Und das macht diese Geschichte wunderbar.