Wenn Kindheit keine Geborgenheit kennt

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petral. Avatar

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"Mit beiden Händen den Himmel stützen" von Lilli Tollkien hat mich emotional sehr gefordert. Der Schreibstil der Autorin hat mir dabei durchaus gefallen, ruhig, eindringlich und nah an den Figuren. Gerade diese sprachliche Feinfühligkeit macht es jedoch stellenweise besonders schwer, das Gelesene auszuhalten.
Immer wieder habe ich mich während der Lektüre gefragt, ob es tatsächlich möglich gewesen wäre, dass eine Männer-WG so unkompliziert ein kleines Mädchen als Pflegekind aufnehmen kann. Vielleicht waren die Regelungen früher weniger streng? Ich hoffe ehrlich gesagt sehr, dass es heute nicht (mehr) so einfach wäre. Dieser Aspekt ließ mich nicht los und sorgte bei mir für ein gewisses Maß an Skepsis.

Besonders hart war für mich Lales Kindheit. Der geschilderte Missbrauch und vor allem die Reaktion ihres Vaters, der ihre Ängste herunterspielt, obwohl sie offen ausspricht, dass sie Angst hat, haben mich tief erschüttert. Es war schwer zu ertragen, wie allein und schutzlos Lale in diesen Momenten war. Mehr als einmal musste ich das Buch zur Seite legen, weil sich mir beim Lesen buchstäblich der Magen umdrehte. Der Gedanke, dass viele Kinder im echten Leben ähnliche Erfahrungen machen müssen, macht die Geschichte noch bedrückender.

Das Ende empfand ich weniger hoffnungsvoll, als ich es nach dem Klappentext erwartet hatte. Für mich überwog letztlich ein Gefühl der Schwere und der Ernüchterung. Auch wenn es sicherlich nicht Anspruch des Romans ist, eine einfache oder tröstliche Lösung zu präsentieren, hätte ich mir einen etwas versöhnlicheren Ausklang gewünscht.

Insgesamt ist es ein sprachlich gelungenes, aber sehr belastendes Buch, das wichtige Themen anspricht und unter die Haut geht. Für mich persönlich war es jedoch eher deprimierend als hoffnungsvoll, daher vergebe ich 3 von 5 Sternen.