Wilde Zeiten

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roomwithabook Avatar

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Lale wächst mit ihrem Pflegevater, ihrem leiblichen Vater (nachdem dieser aus dem Knast entlassen wurde) und noch einigen anderen Männern in einer linken und ziemlich chaotischen Kreuzberger WG auf, und wer hätte es gedacht, das ist nicht die beste Umgebung für ein Mädchen, um unbeschadet durch die Kindheit zu kommen. Der Roman wird in nüchternem Ton erzählt und nimmt großteils die Kinderperspektive ein, die allerdings ziemlich allwissend ist, kann sie sich doch auch an die Zeit vor ihrer Geburt erinnern. Die Erzählstimme dokumentiert Lales Kindheit ohne größere Emotionen und macht dadurch umso deutlicher, was alles fehlt. Die drogensüchtige Mutter nimmt eher am Rande am Leben der Protagonistin teil, zu sehr ist sie in ihrer Sucht verstrickt. Der Vater bemüht sich zwar um Zuwendung und Aufmerksamkeit, schaut aber weg, wenn es um sexuelle Übergriffe innerhalb der WG geht. Lale selbst sehnt sich nach Stabilität und Ordnung, alles das also, was die Männer in ihrem Umfeld als spießig und bürgerlich ablehnen. Die nüchterne Erzählweise entwickelt durchaus einen Sog, auch die eingestreuten Ausblicke auf Lales weiteres Leben verdeutlichen die Auswirkungen ihrer Kindheitserfahrungen. Soweit ich weiß, hat die Autorin autobiografische Elemente mit in ihren Roman einfließen lassen. Vielleicht hätte eine rein autobiografische Aufarbeitung noch eine größere Wirkung entfaltet, aber auch in dieser Form ist es eine Geschichte, die im Gedächtnis bleibt.