Blass und distanziert

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wolfram Avatar

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"Moorgold hat ein schönes, atmosphärisches Bild auf dem Cover. Ein Urheber wird nicht genannt, also ist das Bild wahrscheinlich KI-generiert. Schade.

Zum Thema Regionalkrimi: Dieses Wort scheint (auch in anderen Rezensionen zu diesem Buch) irgendwie ein halbes Schimpfwort zu sein und über die Qualität eines Buches eine Aussage zu treffen. Ich habe überhaupt nichts dagegen, einen Krimi zu lesen, der in einem bestimmten Gebiet spielt. Im Prinzip spielt ja jedes Buch in einer bestimmten Gegend die mehr oder weniger detailliert beschrieben wird. Was dieses Buch aber so anstrengend macht ist nicht, dass es im Erzgebirge spielt und irgendwelche Fabeln und Märchen thematisch mit hineinspielen. Es ist die teilweise furchtbare Sprache, der konfuse Schreibstil, grammatikalische und sonstige Fehler, die aus dem Buch ein sehr amateurhaftes Werk zu machen scheinen.

Da wären die oft altbackenen Formulierungen, einer Protagonistin in ihren Dreißigern nicht angemessen. Annalena hat einen zweijährigen Sohn,  den sie, wenn sie arbeitet, einer Tagesmutter gibt. Doch sooft das Kind auch erwähnt wird, bleibt es blass, ja richtig gehend anonym und passiv. Auch allen anderen Charakteren fehlt es an Tiefe, sodass man distanziert und wenig interessiert der Handlung folgt.

Beispiel für typische Schreibfehler: "Tannenzweige, die sich wie rotglühende Würmer über den Boden wandten", statt "wanden" (Vergangenheitsform von winden,  nicht wenden). "sie hoffte, ihren Gast mit dem Präsentkorb wohlwollend zu entlohnen". Was jetzt: wohlwollend stimmen oder angemessen zu entlohnen? 

Wiederholungen: Die Protagonist sagt erst einen Satz im inneren Monolog, einige Zeilen später exakt das selbe im folgenden Dialog. 
Seltsame Leseransprache mitten im Buch: "...und dabei fand er jenes Bündel mit den Familienerbstücken, das Maries Mutter vom Anfang unserer Geschichte ab Tag ihrer Vertreibung einst dort versteckt hatte."
Dieser Hinweis auf den Link zum Prolog ist völlig unnötig und reißt einen aus der Geschichte.

Der Prolog, der auch in der Leseprobe war, ist malerisch, dicht, spannend und mitreißend und hat mich total abgeholt. Danach zieht sich die Geschichte dahin mit umständlichen, überflüssigen Formulierungen, zwischen altbacken und ungebräuchlich. Manche Handlungen werden bis ins kleinste Detail beschrieben (Ermittlungs-Gedankengänge, Pläne, andere Kleinigkeiten), dann wiederum fehlen ganze Zeitabschnitte, es gibt asynchrone Zeitsprünge, die nicht für alle Protagonisten gelten. Beispiel von Arbeitskollege Lorenz:
Bei ihm scheinen viel mehr Tage zu vergehen als bei Annalena. Da geht bei ihr ein halber Tag vorbei mit Ermittlung und Wanderung, während bei Lorenz schon fast eine dicke Schicht Staub in der Zweitwohnung gewachsen zu sein scheint, und er sich überlegt, ob die Luft schon abgestanden ist seit seinem letzten Besuch (gestern).

Die Ermittlungen, die hier beschrieben werden, sind dramaturgisch höchst ungeschickt: da sitzen Anna-Lena und Lorenz, die beiden Ermittler, sowie Lorenz' Frau, auch aus der Kriminalistik-Branche, zusammen und wägen Argumente und Gedankengänge darüber ab, wie die Morde und Unfälle wohl zusammenhängen.
Und dabei wurden einige Seiten zuvor dem Leser schon genau beschrieben, wer der Mörder war und was aus welchen Gründen passiert ist.
Das macht es sehr, sehr mühsam, dieses Buch weiterzulesen, denn wenn der Leser der Handlung schon viele Schritte voraus ist, macht es gar keinen Spaß mehr, die detaillierten Argumente und Möglichkeiten, wie ein Verbrechen geschehen sein könnte, weiterzulesen.


Plötzlich und zusammenhanglos wird eine dieser Fabeln (Marzebillla) erzählt, übrigens schon zum dritten Mal, teilweise wörtlich wiederholt. Und die Protagonistin überlegt sich, ein Kinderbuch zu schreiben, weil sie die Erzgebirge-Geschichten ihrem Kleinkind dauernd erzählt.

Ansonsten wird die Handlung der Figuren weitgehend distanziert und gefühlsfrei erzählt, als hätte die Autorin keine echten Menschen vor Augen, sondern nur gesichts- und gestaltlose Puppen und eine grobe Vorstellungen der nötigen Stationen, zu denen die Figuren auf dem Weg zum Ziel stolpern. 
Verzögerung nötig? Sohnemann kriegt Fieber. Es darf weitergehen? Sohnemanns Fieber verschwindet über Nacht, Nachbarin drängt Hilfe auf. Das höchste der Gefühle ist, dass das Baby brabbelt und mit den Händen in Annalenas Gesicht patscht. Keinerlei lebendige Beschreibung der Situation, Szene, Personen.

Wirklich schade, denn das Buch hätte thematisch viel zu bieten. Mit den genauen Ortsangaben, der Idee der grenzübergreifenden Ermittlung und dem Hineinflechten von lokalen Märchen hätte ein schönes Buch entstehen können.