Ein leises, aber kraftvolles Buch

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kristinaanna Avatar

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Dieses Buch hat einen ganz eigenen Charme, denn hier wird aus der Sicht einer jungen Deutschen, die alles verloren und deswegen nichts mehr zu verlieren hat, erzählt. Die junge Frau, deren Namen lange ungenannt bleibt, kommt in den Nachkriegjahren über ein Programm des isländischen Bauernverbandes, das junge Arbeiterinnen aus Deutschland anwirbt, auf einen abgelegenen isländischen Bauernhof. Sie ist schwer traumatisiert und kann sich nur sehr langsam eingewöhnen. Vor allem gelingt es ihr sehr lange nicht, Bindungen einzugehen und nur sehr zaghaft lässt sie sich auf menschliche Bindungen ein, immer bereit, alles wieder umzuwerfen und sich selbst aufzugeben. Dieses Buch ist sehr zart, gerade deshalb, weil so wenig gesprochen wird. Auch das Innenleben der Frau, ihre Gedanken und Gefühle, werden vom personalen Erzähler oft nur angedeutet und lassen sich vor allem aus ihrem Handeln erkennen. Vieles erfährt man als Leserin oder Leser auch erst allmählich, manches bleibt bis zum Ende im Unklaren. Dies ist eine große Stärke des Buchs, zugleich aber manchmal auch eine Schwäche, denn bestimmte Zusammenhänge würde ich tatsächlich schon gerne ein bisschen besser durchblicken. Trotzdem gebe ich dem Buch 5 Sterne, weil es mich berührt hat, wie schon lange kein Buch mehr und einen sehr eigenen Reiz hat. Dies liegt an den bewussten Aussparungen und Reduktionen, am Thema an sich, aber auch an der wunderbar einfachen, schnörkellosen und sehr klaren Sprache, die hier so gut passt.
Ein absoluter Lesetipp!