Spannendes, vielversprechendes Setting, doch leider zu kryptisch geraten!

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Katrin Zipse rührt mit ihrem Buch „Moosland“ an ein Kapitel der europäischen Geschichte, das mich seit langem interessiert. Ender der vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts wurden mehrere hundert deutsche Frauen nach Island verschifft, um dort aufgrund eines akuten Frauenmangels in Arbeit aufgenommen zu werden. Implizit damit einhergehend war die Absicht, den isländischen Männern Frauen zuzuführen, um Höfe und Wohnsitze aufrecht erhalten zu können. In Zipses Roman wird dies vor allem mit dem Abzug der Amerikaner erklärt, die wohl zur Kriegszeit Militärbasen auf Island hatten und einige Isländerinnen in ihr Heimatland zurück mitnahmen.
Moosland ist ein Roman, der sich vor allem durch das Schweigen der Hauptperson Elsa auszeichnet. Konfrontiert mit einer völlig neuen Landschaft, einer neuen Sprache, fremden Menschen und ihren Kriegserinnerungen lebt sie sich in Island ein.
Hierin liegt für mich auch die Stärke des Romans. Die isländischen Sitten, die Kultur, die Hausbräuche werden dargelegt und die Erwartungen an die deutschen Frauen und ihre Fähigkeit zur Integration dürfen nicht unterschätzt werden. Hinzu kommt, dass nach dem Krieg die deutsche Zugehörigkeit in Europa nicht auf viel Gegenliebe gestoßen ist. Elsa wird mit Vorurteilen konfrontiert.
Zipse schafft ein Buch, in dem vieles durch Schweigen, Atmosphäre und Beobachten getragen wird. Die Familienkonstellation mit den beiden Brüdern, dem Vater und der Mutter, dem Knecht, sowie der fehlenden Tochter wirft von Anfang an Fragen auf. Zudem gibt es Spannungen zwischen dem konservativen Vater und den beiden auf ihre jeweilige Art fortschrittlichen Söhnen, die zudem um Elsa buhlen. Ein Konflikt scheint unausweichlich und das Buch trägt diese Spannung gut mit sich, sodass es kaum aus der Hand zu legen ist.
Der Schwachpunkt aus meiner Sicht liegt eindeutig bei der Protagonistin. Ich verstehe sie nicht. Sie ist für mich nicht nachvollziehbar und vieles von ihrem bisherigen Schicksal bleibt für mich unklar. Ja, sie hat einen Krieg hinter sich und hat Menschen verloren, aber die erste Hälfte des Buches gab es für mich in Bezug auf sie durchgehend Fremdschäm-Momente. Ich konnte ihr Verhalten nicht nachvollziehen, fand es zu einem guten Teil schockierend.
Dieser Umstand hat mir das Lesen verleidet. Was ich nicht brauchen kann, ist ein historischer „Frauenroman“ ohne jeglichen literarischen Anspruch, aber dieses Buch hat einige Sterne eingebüßt, weil eine Identifizierung mit der Hauptperson nicht möglich und augenscheinlich auch überhaupt nicht gewünscht war.
In sich schließt Katrin Zipse den Roman aber gut und das versöhnt mich. Ich wünsche dem Buch und seiner Autorin viel Glück und eine gute Leserschaft da draußen.