Über das Ankommen und sich selbst finden

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1949: Die junge Deutsche Elsa landet in kargem, rauem Land - Island soll zumindest für das nächste Jahr ihre neue Heimat sein. Sie arbeitet auf einem Bauernhof und findet keinen Zugang zu der für sie sonderbaren Bauernfamilie. Das liegt aber auch daran, dass sie nicht spricht - weder in der ihr fremden isländischen Sprache, noch in ihrer eigenen. Tief gezeichnet von angedeuteten Kriegstraumata versucht sie trotzdem ihr Auskommen zu finden und den harten Alltag ihrer neuen Heimat anzunehmen.

Was für ein schönes, ruhiges und tiefsinniges Buch ist Autorin Katrin Zipse hier gelungen! Wir folgen der jungen Elsa in diese andersartige Welt - das Nachkriegs-Island - in eine Bauernfamilie, die vom Patriarchen bestimmt wird, dessen Frau aber ebenso Autorität besitzt und den Laden am Laufen hält. Die stillen Annäherungen, die jede einzelne Figur anstellt, Konflikte innerhalb der Familie, das langsame Lösen der erwachsenen Söhne von ihrem starren und konservativen Familienkonstrukt und ein Familiengeheimnis, das bedrückend im Raum steht, über das aber niemand sprechen mag - all das beschreibt die Autorin über die Empfindungen der Protagonistin - und das, obwohl das wichtigste Werkzeug dafür kaum eingesetzt wird: die Sprache, denn das meiste geschieht über Schilderung von Handlungen.

Elsa ist tief traumatisiert, im Krieg hat sie alles verloren. Das erfahren wir aber nicht durch direkte Erzählungen, sondern vielmehr über Halluzinationen, die Elsa hat, die sie oft vollkommen willkürlich zur Flucht veranlassen, doch vor sich selbst kann sie nicht flüchten. Die junge Frau versucht vor der Realität wegzulaufen, ebenso wie vor ihrer Vergangenheit, doch langsam kommt sie an, in ihrem neuen Zuhause, das von Kargheit und harter Arbeit geprägt wird. Ob sie das überhaupt will, ist ihr selbst nicht klar, das Fremde dieses Landes und dieser Leute ist ihr genauso zuwider, wie es sie insgeheim anzieht.

Die Sprache, die die Autorin einsetzt, passt zu der Zeit, passt zu dem Land - sie ist nüchtern, ruhig und karg, aber gleichzeitig auch tiefsinnig und emotional. Es sind kleine Momente der Annäherung, die große Fortschritte für die Protagonistin bedeuten - das langsame Wiederbeginnen des Sprechens, das Zwischenmenschliche von Menschen, die zusammenleben und -arbeiten, obwohl sie nicht die selbe Sprache sprechen, kleine Gesten, die den Alltag erleichtern und ein Zusammenhalt, der von Tag zu tag wächst. Die Landschaft hat einen speziellen Stellenwert, ebenso wie die darin vorkommenden Geräusche und Gerüche - und alles ist so bildlich beschrieben, dass man denkt, man wäre mitten im Geschehen, mitten im isländischen Nirgendwo. Als das Buch zu Ende ging, war ich traurig, hatte ich doch das Gefühl gerade erst angekommen zu sein - genauso wie die Protagonistin.

Mein Fazit: Moosland ist ein wundervoller, ruhiger Roman, der von einer traumatisierten jungen Frau berichtet, die in der Nachkriegszeit ihr neues Leben in Island beginnt und dabei versucht, sich selbst und ihre Stimme wieder zu finden. Es ist ein atmosphärisches Buch voller sinnlicher Eindrücke von Land und Leuten, das eindrucksvoll Bilder und Gerüche im Kopf erzeugt und durch Ruhe, der Zerrissenheit der Protagonistin und kleine Gesten des menschlichen Miteinander überzeugt. Für mich ein absolutes Highlight!