Erst gefeiert, dann gehasst

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Odette ist neunzehn, nach dem Tod ihrer Mutter auf sich allein gestellt und lernt eher zufällig den über achtzigjährigen Amos kennen. Aus dieser ungewöhnlichen Begegnung entsteht eine Freundschaft, die bald weit über das Private hinausgeht. Gemeinsam starten sie einen Social-Media-Kanal, ihre Videos gehen viral und plötzlich kennt die ganze Welt Odette und Amos. Bis Odette Amos eines Tages vor laufender Kamera tötet. Danach schweigt sie. Keine Erklärung, keine Rechtfertigung, kein Wort. Während die Polizei versucht herauszufinden, was passiert ist und warum es zu dieser Tat kam, macht das Internet längst sein eigenes Urteil.

Was für ein Buch! Ich fand es wahnsinnig spannend zu verfolgen, in welche Spirale Odette gerät und wie es überhaupt zu dieser Tat kommen konnte. Gerade weil man von Anfang an weiß, was passieren wird, liegt die Spannung weniger in der Frage nach dem „Wer“, sondern vielmehr im „Warum“. Und genau dieses Warum hat mich beim Lesen immer weiter hineingezogen.

Die Geschichte wird in zwei Erzählsträngen erzählt: „Zuvor“ und „Danach“. In „Zuvor“ lernt man Odette und Amos immer besser kennen. Man erfährt, wie sie sich begegnen, wie ihr Zusammenleben aussieht, welche Rolle Amos’ Großzügigkeit spielt und was in Odette vorgeht. Auch die gemeinsamen Videos und deren zunehmender Erfolg nehmen immer mehr Raum ein. „Danach“ begleitet dagegen die Ermittlungen. Odette schweigt, während die Polizei versucht, die Ereignisse zusammenzusetzen und ihre Beweggründe zu verstehen.

Die Passagen sind teilweise recht ausführlich geschrieben. Für mich hat das hier aber gut funktioniert, weil dadurch Zusammenhänge, Hintergründe und vor allem Odettes Entwicklung viel greifbarer wurden. Man bekommt nicht einfach eine schnelle Erklärung präsentiert, sondern erlebt Schritt für Schritt, wie sich die Dinge verändern.

Mit dem Ermittlungsstrang hatte ich allerdings etwas weniger anfangen können. Vieles, was dort passiert, fand ich eher weniger spannend. Erst gegen Ende wurde die Polizeiarbeit für mich wieder richtig interessant. Gleichzeitig sehe ich das nicht als großen Minuspunkt, denn irgendwie spiegelt gerade dieser Teil die Realität ziemlich gut wider. Die Journalisten haben keine wirklichen Informationen und produzieren trotzdem Schlagzeilen, Social Media läuft einfach weiter, die Community spaltet sich und Odette wird gnadenlos verurteilt. Niemand kennt die ganze Geschichte, aber jeder hat eine Meinung. Diese Aspekte fand ich sehr treffend und teilweise erschreckend dargestellt.

Während des Lesens habe ich die unterschiedlichsten Gefühle durchlebt: Sympathie, Wut, Verständnis, Angst und immer wieder dieses unangenehme Gefühl, nicht zu wissen, wie ich eine Situation eigentlich einordnen soll. Odette mochte ich dabei sehr. Ihre eigenwillige Art, ihre Gedanken und ihre Wahrnehmung machen sie zu einer Figur, die man nicht einfach in „gut“ oder „böse“ einordnen kann. Auch Amos wurde für mich unglaublich eindringlich dargestellt. Die Entwicklung beider Charaktere hat mich gleichermaßen schockiert und beeindruckt.

Ich möchte an dieser Stelle gar nicht zu viel verraten, aber psychischer Missbrauch spielt eine zentrale Rolle. Wie sich dieser entwickelt, wie schwer er von außen zu erkennen sein kann und welche Auswirkungen er auf einen Menschen hat, wurde für mich sehr eindrucksvoll umgesetzt. Gerade als Debüt hat mich das wirklich beeindruckt. Auch die Gestaltung passt für mich wunderbar zur Geschichte. Titel und Cover greifen die Thematik auf und ein kleines Detail im Buch fand ich besonders gelungen: Beim Aufschlagen begegnen einem zunächst positive Kommentare zu den Videos. Am Ende hat sich das Bild komplett verändert und es steht nur noch Hass im Raum. Ein simples Detail, das die Entwicklung der Geschichte noch einmal visuell aufgreift.

Für mich ist das ein gelungenes Debüt, das nicht nur spannend erzählt ist, sondern auch zum Nachdenken darüber anregt, wie schnell Menschen im Internet urteilen und wie wenig wir tatsächlich über eine Situation wissen können. Eine Geschichte, die mich emotional ziemlich mitgenommen hat und die noch eine Weile nachwirken wird.