Ganz großes Kino!

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"Ich wurde 1927 auf einer Tanzfläche in Buenos Aires gezeugt."

Mit diesem einzigartigen Satz beginnt Annette Bjergfeldt ihre Geschichte um Lita und ihre Mutter Fabiola. Ein Satz, der sofort neugierig macht.

Bjergfeldt erzählt, wie Fabiola als Baby in einem Schuhkarton vor einem Nonnenkloster in Buenos Aires ausgesetzt wird und als junges Mädchen eine Vorliebe für Schuhe entwickelt. Ihr Talent, das richtige Paar Schuhe für jeden Fuß zu finden, verhilft ihr zu einer Anstellung in dem besten Schuhladen der ganzen Stadt. Fabiola erfährt durch die Nonnen Zuneigung und Bildung, ist dabei aber rastlos und getrieben. Tango ist ihre ganze Leidenschaft, und so ist sie nach einer besonders stürmischen Tanznacht plötzlich schwanger. Ihre Tochter Carmelita, von allen nur Lita genannt, wird ebenfalls im Nonnenkloster aufgezogen und sehnt sich nach der Liebe und Aufmerksamkeit ihrer Mutter, die, selbst noch unglaublich jung, so sehr nach Leben und Liebe sucht. Als es in Buenos Aires zu politischen Unruhen kommt, fliehen Fabiola und Lita auf einem Frachter und landen auf der kargen kanadischen Insel Upper Puffin. Von einigen Einheimischen argwöhnisch beäugt, werden sie von Maggie, der Besitzerin des örtlichen Seemannsheims mit offenen Armen empfangen. Lita, die sich zeit ihres Lebens nach ihrem unbekannten Vater sehnt, findet in der gehörlosen Oona eine besondere Freundin und erfährt zum ersten Mal, wie es sich anfühlt, eine richtige Familie zu haben. Als der von allen sehnlichst erwartete Mr. Saito endlich mit seinem Wanderkino auf der Insel auftaucht, eröffnet sich für Lita eine völlig neue Welt.

Das hübsche Cover mit dem Papageientaucher hat mich neugierig gemacht; die Leseprobe hat mich überzeugt, dass ich dieses Buch unbedingt lesen muss.
Annette Bjergfeldt hat einen wundervollen, berührenden Roman geschaffen. Bildhaft beschrieben sind die Umgebungen sowohl in Buenos Aires, der trubeligen argentinischen Metropole, als auch auf der winzigen Papageientaucherinsel Upper Puffin, irgendwo zwischen Nova Scotia und Neufundland. Die Charaktere sind gut gezeichnet, haben Tiefe und erwecken Mitgefühl. Ich habe Lita sofort in mein Herz geschlossen und auch Fabiola, die wunderschöne, langbeinige Tangotänzerin.

Die eher leise Geschichte fesselt dank der sprachlichen Schönheit, mit der Annette Bjergfeldt ihre Protagonistin das Leben entdecken lässt. Das ist so wunderbar, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte und auch das eine oder andere Tränchen verdrücken musste. Interessant fand ich die Unterteilung des Buches in sieben Kapitel, jeweils als Erste Welle, Zweite Welle usw. betitelt. Jede Welle entspricht einem Abschnitt in Litas Leben. Je näher ich der siebten Welle kam, umso langsamer wollte ich lesen, damit die Geschichte nicht endet.

"Mr. Saitos reisendes Kino" ist eine unglaublich ergreifende und warmherzige Geschichte mit Tiefgang und Herz, eine Ode an die Liebe und die Freundschaft. Das Schönste, was ich seit Langem gelesen habe.