Sehr stimmungsvoller Wohlfühlroman

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MEINE MEINUNG

Mit „Mr. Saitos reisendes Kino“ hat Annette Bjergfeldt einen wundervollen, tief berührenden Roman voller Herzenswärme, leiser Poesie und sanfter Melancholie geschaffen. Er lädt ein, über die großen Lebensfragen wie Familie, Zugehörigkeit, Verlust, Sehnsüchte, Träume sowie die heilsame Magie des Erzählens nachzudenken.

Gekonnt verwebt die Autorin eine Coming-of-Age-Erzählung mit berührender Familiengeschichte und eine Prise Magie zu einem atmosphärisch dichten Panorama. Rasch tauchen wir ein in eine ungewöhnliche, sehr faszinierende Geschichte, die einen rasch mit seinem außerordentlich intensiven Erzählstil und märchenhaft magischen Momenten in den Bann zieht.

Im Mittelpunkt steht die junge Lita, die es mit ihrer exzentrischen Mutter Fabiola aus den revolutionären Wirren von Buenos Aires auf die entlegene, windumtoste Insel Upper Puffin vor Neufundland verschlägt. Diese neue Heimat wird für sie zu einer Art Zwischenwelt zwischen Vergangenheit und Zukunft, schmerzlichen Erinnerungen und Aufbruch voller mystischer Erlebnisse und zugleich eine Zuflucht auf der spannenden Reise zu sich selbst. Die lange ersehnte Ankunft des geheimnisvollen Mr. Saito auf der Insel mit seinem reisenden Kino markiert schließlich einen entscheidenden Wendepunkt. Seine bewegten Bilder eröffnen Lita eine neue Welt jenseits der Insel und werden zum Sinnbild für Sehnsucht, Hoffnung und die Kraft, über sich hinauszuwachsen.

Mit ihrem farbenprächtigen, bildgewaltigen Schreibstil verwebt Bjergfeldt historische Rückblenden, poetische Naturbeschreibungen und zarte mystische Episoden zu einer opulenten, ideenreichen Erzählung. Ihre Beschreibungen sind so bildhaft und detailreich, dass Meeresrauschen, tosender Wind und wilde Tangorhythmen förmlich spürbar werden und filmreife Szenen vor dem inneren Auge entstehen. Durch humorvolle Zwischentöne und leise Ironie versteht es die Autorin, der Geschichte trotz ernster Themen eine wundervolle Leichtigkeit u verleihen.

Im Mikrokosmos des alten Seemannsheims lernen wir ein ganzes Panoptikum an liebevoll gezeichneten, eigenwilligen Inselbewohnern mit ihren skurrilen Eigenheiten kennen. Die vielschichtigen Figuren sind liebevoll mit psychologischer Tiefe gezeichnet. Besonders Lita wächst als sensible Protagonistin ans Herz, ebenso wie ihre etwas amivalente Mutter Fabiola mit ihrer Passion für Tango und Schuhe wachsen sowie ihre gehörlose Freundin Oona. An Litas Seite entdeckt man die vielen Facetten des Lebens mit all seinen Verlusten, Enttäuschungen, Loyalitäten, Neuanfängen und dem Zauber des Augenblicks. Besonders beeindruckend zeigt Litas enge Freundschaft mit Oona, wie tiefes Verständnis und Verbundenheit tiefer reichen kann als die gesprochene Sprache und Zusammenhalt weit über Blutsbande hinausgeht. Besonders gut gefallen hat mir die Untergliederung des Romans in „Sieben Wellen“, die geschickt Litas Lebensphasen widerspiegeln, und ihm eine rhythmische Tiefe und musikalische Struktur verleihen.

Bjergfeldt nimmt sich viel Zeit für ihre Figurenentwicklung und die besondere atmosphärische Dichte im Stil des Magischen Realismus, wodurch leider Mr. Saito und sein Kino erst relativ spät in den Vordergrund der Handlung rücken.


FAZIT

Ein bewegender, stimmungsvoller Wohlfühlroman mit faszinierenden Charakteren, märchenhaft mystischen Momenten und feiner Melancholie - eine wundervolle Hommage an die Liebe, Freundschaft und Magie der kleinen Dinge.