Viel Potenzial verschenkt

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19cici95 Avatar

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Dieses Buch hatte das Potenzial etwas ganz Großes zu werden. Stattdessen hat der Abklatsch der Mitternachtsbibliothek in beinahe allen Punkten unüberwindbare Schwächen.

Punkt 1 – die Charaktere: Auf ca. 320 Seiten vier (!!) Charaktere mit tragischer Hintergrundgeschichte, ausreichend Charakterisierung in der Gegenwart und genug Charakterentwicklung zum Ende zu schreiben, klingt nahezu unmöglich - und die Autorin Vanessa Göcking hat es nicht geschafft.
Die Protagonistin Ms Atkins, nach der das Buch ja immerhin benannt ist, hat keine weitere Charaktereigenschaft als die, die man bereits dem Klappentext entnehmen kann (gewissenhaft und regelkonform). Dass sie früher einmal anders war, bekommt man zwar gesagt, aber so richtig kann man den Schilderungen nicht glauben, denn die Rückblenden kommen viel zu kurz.
Die Wende, die sie am Ende ereilt, war zwar für ein Buch dieser Art erwartbar, aber man hat es dem Charakter einfach nicht abkaufen können. Denn natürlich kann Ms Atkins nur mithilfe dreier leidgeprüfter neuer Freunde aus ihrem starren Beamtenleben ausbrechen. Die Jugendlichen Henry und Xiao Mei, die ebenfalls mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen haben, sowie dem älteren Herrn Robert (der mir von allen Charakteren und Hintergrundgeschichten noch die liebste war). Am Ende bekommen zwar alle einen Abschluss, aber so richtig interessiert hat es mich bei keinem. Und dann noch der unnötige Epilog, der nochmal zwei neue Charaktere einbringt. Das ist auf 320 Seiten einfach zu viel.

Punkt 2 – der Schreibstil: ja, die Autorin hat bereits Bestseller geschrieben, doch die waren mehr oder weniger Sachbücher, was Ms Atkins zu ihrem Debüt in der Belletristik macht. Und das merkt man. Die Sätze sind teilweise unbeholfen, Dialoge wirken sehr gestelzt. Hier hätte man wahrscheinlich von einem guten Lektorat noch mehr profitieren können. Bei meiner Recherche habe ich herausgefunden, dass dieses Buch unter dem eigenen Verlag der Autorin herausgegeben wurde.

Punkt 3 – die Themen: Das Buch beinhaltet sehr schwierige Themen, die teilweise den Verlauf der Handlung spoilern würden, wenn ich sie hier erwähnte. Diese werden teils gut rübergebracht, teils aber auch ziemlich schnell abgehandelt. Gerade Xiao Meis Geschichte kam mir viel zu kurz und hätte für den Plot auch komplett weggelassen werden können, wenn man dann die 320 Seiten besser auf nur drei Charaktere verteilen muss.

Gut gefallen hat mir die Atmosphäre in der Bibliothek (aber auch nur dort). Wie die altehrwürdigen Hallen und dann auch die Traumkorridore beschrieben waren, war sehr anschaulich. Leider bekommt man von den tollen Träumen fast gar nichts mit.

Alles in allem hatte mir das Buch zu viele Schwächen für das was es sein wollte. Wer eine ähnliche Thematik besser ausgearbeitet lesen will, dem kann ich die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig und Das erstaunliche Leben des A. J. Fikry von Gabrielle Zevin weitaus mehr ans Herz legen.