Kipppunkt

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marieon Avatar

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Die Installationskünstlerin Iona ist von Leipzig aufs Umland gefahren. Sie hat eine Halle mitten in der Natur angemietet. In die Natur, die sich ihre Landschaft nach dem Ende des Tagebaus zurückerobert hat. Sie wird ihr nächstes Objekt planen. Die Landschaft, die sie umgibt in 5.000 Jahren. Ein Urwald aus Biopolymer. Das erzählt sie Franz, dem Eigentümer der Halle, als sie aus dem Auto steigen und er ihr alles zeigen will. Sie beobachtet gespannt, wie er reagieren wird, aber dann erwischt eine Böe durchs offene Fenster die Vase mit den vertrockneten Margeriten und stößt sie zu Boden. Die Halle misst 200 Quadratmeter. Der Windfang hinter der Eingangstür erweist sich als praktisch, daneben ist eine kleine Küchenzeile mit dem Nötigsten untergebracht. Darüber über eine steile Stiege erreichbar ein Schlafplatz. Unten eine kleine Sitzgruppe aus Polster und an der Wand ein großer Flachbildschirm, der Robyn zeigt. Ein KI generierter Hund, halb Husky, halb irgendwas, der auf einem Teppich liegt, den Kopf auf den Vorderpfoten und darauf wartet, dass man ihn anspricht.

Nachdem Franz ihr alles gezeigt hat, bringt sie ihn zum Wagen und er spricht sie auf das Baumhaus an, das „bestürzend schön gewesen sei“. Sie will ihn fragen, ob er es vor oder nach dem Vorfall gesehen hat. Dem Vorfall, als Herto Straus, ein Leipziger Maler ihre Diplomarbeit mit oranger Signalfarbe besprüht und das Wort „Bullshit“ darauf platziert hat. Die Hauptsparkasse hatte es gerade erst gekauft und in ihren Räumen ausgestellt. Iona hatte das Holz mehrfach geschliffen und mit Schellack lackiert. Das ganze Monument hatte sie auf Stehlen gesetzt und das Innen mit Fotos von ihrer Familie, der Alm und den Kühen dekoriert. Die Bilder hatte sie nach der Sprühaktion wieder abgehängt, sie waren ihr zu persönlich geworden, zu nah und passten nicht mehr.

Der Wind nimmt zu, entwurzelt die Bäume, zuerst die durch den fehlenden Regen oder den Borkenkäfer abgestorbenen und dann die Flachwurzler. Die Stare bleiben und fressen ihr die Himbeerhecke kahl. Die schneefreien Winter sind so warm, dass sie einfach bleiben.

Fazit: Die Autorin und Gewinnerin des Deutschen Buchpreises hat in ihrem neuen Buch den Kipppunkt thematisiert. Ihre Protagonistin glaubt sich zurückzuziehen, weil sie eine neue Installation plant, aber tatsächlich hat sie einige Einschnitte von Gewalt und Verlusten zu verarbeiten. Mit ihrer unaufgeregten, sanften Erzählstimme teilt Martina Hefter die Eindrücke ihrer Protagonistin mit mir. Sie ist in den Bergen aufgewachsen, mitten in der Natur. Eigentlich hätte sie die Alm übernehmen wollen und sollen, doch ein Vorfall während eines Gewitters treibt sie zum Studium nach Leipzig. Dort fühlt sie sich fremd, spürt die Abneigung gegen sie die Westdeutsche. Der nächste Gewaltakt, der sie trifft, ist die Verschandelung ihres Objekts durch einen Kollegen. Damit stellt er ihren Selbstwert auf die Probe und sie hinterfragt ihre Herkunft als Landei und Viehhirtin. Fühlt sie sich tatsächlich zur Künstlerin berufen oder ist ihre Identifizierung damit wirklich Bullshit. Fast nebenbei stimmen die Launen der Natur sie nachdenklich. Die gewaltigen Gewitter und Regenfälle, die zu Überschwemmungen führen und sie den Kipppunkt heraufbeschwören lässt. Martina Hefter ist eine genaue Beobachterin und eine reflektierte Autorin. Sie lässt sich die nötige Zeit, um ihre Protagonistin in ihre Vergangenheit zu führen und in der Rückschau Parallelen zu heute zu erkennen. Am Ende findet eine Entwicklung statt, die ich konsequent finde. Eine beschauliche Geschichte, die nicht mit „Hey guten Morgen, wie geht es dir?“ zu vergleichen ist, die ich jedoch genauso gerne gelesen habe.