Thesenroman
Die Installationskünstlerin Iona Bartok bekommt von ihrem Freund Franz eine alte Industriehalle zur Verfügung gestellt. Hierher, ins Leipziger Neuseenland, will sie sich für einen Sommer lang zurückziehen, um in Ruhe an ihrem neuen Projekt zu arbeiten. Gleichzeitig braucht sie nach einem Eklat Abstand zum Leipziger Kulturbetrieb. In einer dortigen Ausstellung wurde eine frühere Arbeit von ihr von dem stadtbekannten Künstler Herto Straus mit dem Wort „Bullshit“ besprüht. Iona reagiert mit Rückzug darauf. „ Den Zorn aufheben, vielleicht für später.“
Anfangs ist ihr einziger Gefährte Robyn, ein KI- generierter Hund. Diese App gehört Franz und er möchte, dass sich Iona während ihres Aufenthalts darum kümmert. Ohne wirkliches Interesse, aber pflichtbewusst erledigt sie diese Aufgabe.
Dann aber läuft ihr die reale Hündin Bella zu, die ihr ans Herz wächst.
Die Tage vergehen, es passiert wenig, Iona lässt sich treiben. Erinnerungen werden wach an ihre Kindheit auf einer Alm in den Allgäuer Bergen. Doch dann ist es mit ihrer selbstgewählten Einsamkeit vorbei. Nova, die junge Nichte ihres Vermieters, schlägt hier ihr Lager auf. Jugendliche Festivalbesucher stören die Ruhe.
Zur Arbeit an ihrem neuesten Kunstprojekt kommt Iona auch nicht . Dabei hat sie sehr konkrete Vorstellungen davon, was sie schaffen möchte, weiß auch schon den Titel für das Werk: „Die Landschaft in fünftausend Jahren.“ Modell ist das Gebiet des ehemaligen Tagebaus im Süden von Leipzig, genau die Ecke, in der sie sich gerade befindet. Dabei ist die Landschaft hier sowieso schon weit weg von ihrem ursprünglichen Zustand. Der See, die Abraumhalden, alles menschengemacht. Wird sich die Natur in fünftausend Jahren wieder erholt, sich ihr Refugium zurückerobert haben oder, was wahrscheinlicher ist, wird alles zerstört sein?
Ein zentrales Thema des Romans ist der Klimawandel, der sich in diesem Sommer schon mit einem beständigen Wechsel von Regen und Dürre zeigt. Die einzige Konstante ist der Wind, der ununterbrochen , mal stärker, mal schwächer, weht.
Der Roman lebt nicht von seinem Plot, denn Handlung gibt es wenig. Stattdessen erfahren wir viel über die seelischen Befindlichkeiten der Protagonistin, trotzdem blieb sie mir weitgehend fremd. Seitenlang beschreibt die Autorin in eindringlichen und poetischen Bildern Landschaft und Naturphänomene. Das überzeugt zwar auf literarischer Ebene, kann dem Lesenden aber auch zu viel werden.
Den Roman konnte ich nicht als realistische Geschichte lesen, eher als ein Konstrukt, in dem die Autorin die ihr wichtigen Themen unterbringen wollte. So tragen z.B. die meisten Figuren Namen, die keinerlei Rückschlüsse auf ihr Geschlecht erlauben. Das mag noch bei den jüngeren Protagonisten passen, doch dass ihre Eltern Kim ( der Vater) und Leto ( die Mutter) heißen und der Allgäuer Jugendfreund Zia, ist wenig glaubhaft.
Die Kindheit ist eine Idylle zwischen Kühen, wo kein Tier geschlachtet wird. Der Vater stirbt an einer seltenen Krebsart, eine Spätfolge des Reaktorunglücks in Tschernobyl.
Immer sind es Männer, die zerstörerisch wirken. Auf der Alm sind es die „Deppen“ aus dem Dorf, in der Stadt ein neidischer Kollege.
Nova hat sich mit ihren Freundinnen einer Bewegung angeschlossen, die keinerlei Beziehungen zu Männer unterhalten. „Keine Bewegung queerer Frauen, es ist eine Gruppe, die für die konsequente Befreiung aller weiblich gelesenen Menschen steht.“ So erklärt sich auch das Cover, denn der Hirsch ist ihr Wappentier.
Das ist mir alles mit zu dickem Pinsel gezeichnet.
Immer wieder wird im Roman Simone Weil zitiert, eine französische Philosophin des Zwanzigsten Jahrhunderts. Auch ein Satz von ihr steht als Motto dem Buch voran. Die Protagonistin hat sich intensiv mit deren Schriften auseinandergesetzt, trägt deren Text „Schwerkraft und Gnade“ beständig bei sich. Ich kenne nichts von Simone Weil, kann deshalb deren Bedeutung für diesen Roman nicht einschätzen. Das zweite vorangestellte Zitat von Marlene Haushofer dagegen ist einfacher zu deuten. „Aber wir waren nicht ganz verloren, weil wir zu zweit waren.“ In deren Roman „Die Wand“ wird eine Frau plötzlich durch eine unsichtbare Wand von der Zivilisation abgetrennt. Ihr bleibt als Weggefährte ein Hund.
Der Hund, der reale, nicht der Bildschirmhund, bekommt auch in diesem Roman eine zentrale Rolle zugewiesen. Empathie für Tiere allgemein ist immer wieder herauszulesen.
Die Autorin verarbeitet offensichtlich auch die Kränkung, die sie bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises erlitt. Herto Straus, der Ionas Kunstwerk herabsetzt, erinnert an den Auftritt von Clemens Meyer. Im Nachwort erklärt Martina Hefter, dass „Herto Straus“ ein Anagramm von Herostratos ist, der 356 v.Chr. den Artemis- Tempel in Brand setzte und dafür zum Tode verurteilt wurde.
Obwohl Martina Hefter Spannendes in ihrem Roman thematisiert - neben dem Klimawandel und seinen Folgen, die Natur im Kontrast zu den Auswüchsen unserer Zivilisation, den Sinn von Kunst - bin ich nicht glücklich geworden mit ihm. Auch die schöne Sprache hat mich nicht durch die Geschichte getragen. Positiv schlägt noch zu Buche, dass die melancholische Grundstimmung sich in einem hoffnungsfrohen Ende niederschlägt.