Verblüffend schön

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merkurina Avatar

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Ich habe „Nach der Sonne schauen“ sowohl im E-Book-Format zu lesen versucht als auch als Hörbuch gehört. E-Books gehen nur mühsam an mich, ich mag nicht an Bildschirmen lesen, habe ich wieder einmal gemerkt – deswegen war das Hörbuch mit der (ganz überwiegend) angenehmen Sprecherinnen-Stimme von Inka Löwendorf letztlich das Medium, das mich vor allem durch die Tagebau-Seen-Wege von Martina Hefters Protagonistin Iona Bartschok geleitete.

Was für ein Buch! Martina Hefter lässt die Geschichte nicht nur an einem ungewohnten Schauplatz spielen, sondern arbeitet auch mit ungewohnten Motiven.
Sie verschachtelt Reflexionen aus dem recht speziellen künstlerischen Schaffen ihrer Heldin mit der Erfahrung sich verändernder Natur- und Kultur-Landschaft, mit der Vervielfachung der Wirklichkeit durch KI, mit den Auswirkungen des Klimawandels, mit der Liebe zu Tieren und ihren Lebensbedingungen, mit zarten zwischenmenschlichen Begegnungen.

„Nach der Sonne schauen“ ist eine Fortschreibung von Martina Hefters „In die Wälder gehen, Holz für ein Bett klauen“. Das Werk von 2021 schwankt zwischen Lyrik und Essay, auch hier gibt es ein Baumhaus und es gibt bereits radikale Fragen an Konsum und Naturzerstörung.
Iona Bartschok ist dem Lyrikband entsprungen und versucht in diesem Spannungsfeld bildende Kunst zu schaffen, am Ende sich aber vor allem für einen Versuch eines „kleinen“ richtigen Lebens zu entscheiden.

Dabei stehen die Hingabe zum Recht jeglicher Kreatur wie auch zur Kunst immer wieder im Gegensatz zu Zerstörung und Verwahrlosung, die um sich greifen. Der Angriff auf ihr Kunstwerk „Baumhaus“, das einen Kindheitsort im Allgäu in ganz neuem Kontext wiedergeschaffen hat, verstört Iona sehr. Gewisse Parallelen dazu, was Martina Hefter durch einen Schriftsteller-Kollegen widerfuhr, als sie den Buchpreis gewann, sind spürbar. Vor allem auch darin, dass bei beiden Schmähungen es der Kunst abgesprochen wurde, in Korrespondenz zum eigenen „kleinen“ Leben entstehen zu dürfen. Große Männer, große Kämpfe, große Werke stehen dem gegenüber.

Ionas Nähe zur geschundenen Tierwelt, beginnend mit den Kälbern der Kindheit im Allgäu, immer wieder aktualisiert durch einen zugelaufenen Hund, durch einen missgestalteten Molch, durch versehrte Tiere im Gnadenhof, berührt eigentümlich. Zumal Iona das eigentlich gar nicht will, lieber möchte sie alleine sein und sich der Kunst, dem Blick in die Zukunft widmen. Es kommt anders – Fürsorge und Liebe werden in der Gegenwart abgerufen. Ich musste denken an die Erwähnung des zusammenbrechenden Nietzsche, als er sieht, wie ein Pferd geschunden wird, an die Hommage, die Adorno und Horkheimer dem Philosophen des Übermenschen in der Dialektik der Aufklärung deswegen widmen. Mitleidlosigkeit und Naturbeherrschung hängen eng zusammen.

Martina Hefter erzählt unverdrossen von einer, die weitermacht und nicht verzagt, auch wenn sie die Gründe, die genau dafür sprächen, genau registriert. Keine Leugnung, sondern ein Trotzdem. Während ich las oder hörte, hatte ich oft das Gefühl, direkt neben Iona Bartschok herzugehen, als spräche sie mit mir.
Nicht nur ein besonderes Buch ist das, es ist auf eine verblüffende Weise auch ein sehr schönes Buch.