Was muss Kunst leisten (können)?

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Nach »Hey guten Morgen, wie geht es dir?«, das mich 2024 positiv überrascht hat und sogar mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, waren meine Erwartungen an Martina Hefters neuen Roman hoch. Der Klappentext verspricht eine Auseinandersetzung mit Kunst und den Bedingungen künstlerischen Schaffens, angesiedelt im Leipziger Umland, meiner Heimat. Wenig überraschend also, dass »Nach der Sonne schauen« schnell auf meiner Leseliste landete. Erneut hatte ich auf eine ganz besondere Art des Erzählens gehofft. Enttäuscht hat mich der Roman nicht, meinen (zu hohen?) Erwartungen gerecht werden konnte er allerdings ebenso wenig.

Im Mittelpunkt steht die Installationskünstlerin Iona, die sich nach einer Verletzung im Kunstbetrieb in eine ehemalige Tagebauregion bei Leipzig zurückzieht. Inmitten einer Landschaft, in der Natur und menschliche Eingriffe untrennbar miteinander verwoben sind, will sie an einem neuen Kunstwerk arbeiten. Doch statt sich ganz ihrer Arbeit zu widmen, verliert sie sich in Beobachtungen, Begegnungen und Erinnerungen. Insbesondere die Frage, was Kunst eigentlich leisten muss, lässt sie nicht los: Muss sie wehtun, provozieren und aufrütteln, um bedeutsam zu sein? Oder darf sie auch leise, fürsorglich und schön sein?

Gerade die Überlegungen zur Kunstwelt und zum Selbstverständnis von Künstler:innen gehören zu den Stärken des Romans. Als Performancekünstlerin kennt Hefter den Kulturbetrieb aus eigener Erfahrung – das Schöne, das dem Publikum präsentiert wird, ebenso wie die weniger glänzenden Seiten hinter den Kulissen. Entsprechend hinterfragt sie die Maßstäbe der Kunstszene und die Vorstellungen davon, was künstlerische Arbeit überhaupt wertvoll macht. Dabei überzeugt ihre unaufgeregte Erzählweise, die auf große Gesten verzichtet und ihren Beobachtungen Raum lässt.

Allerdings werden zahlreiche Themen und Motive angerissen, ohne ausreichend weiterentwickelt zu werden. Natur und menschliche Eingriffe, Verletzlichkeit und Zerstörung, Kunst und ihre gesellschaftliche Bedeutung: Hefters Gedanken sind interessant und klug, verbinden sich jedoch nicht zu einem überzeugenden Ganzen. Statt immer neue Fäden aufzunehmen, hätte der Roman einigen davon konsequenter folgen können. Denn zwischen bewusstem Offenlassen und bloßem Andeuten liegt ein Unterschied. Hefters leiser Erzählton ist eine Stärke, ersetzt aber nicht die inhaltliche Auseinandersetzung, die ihre Themen nahelegen. Gerade die vielen spannenden Ansätze machen deutlich, wie viel mehr erzählerische Tiefe hier möglich gewesen wäre.

Empfehlen würde ich »Nach der Sonne schauen« dennoch allen, die eine entschleunigende Lektüre suchen, die ohne großen Handlungsdruck zum Nachdenken über Kunst, Natur und das Leben einlädt. Wer sich hingegen wünscht, dass aufgeworfene Fragen auch erzählerisch konsequent ausgelotet werden, könnte mit dem Roman hadern. Für mich bleibt »Nach der Sonne schauen« ein Buch voller interessanter Gedanken und mit einer angenehmen Ruhe, dem eine stringentere Handlung vielleicht gutgetan hätte.