Wenn die Kunst zur Heimat wird
Der Roman „Nach der Sonne schauen“ der Autorin Martina Hefter hat mich schwer beeindruckt, aber auch meine ganze Aufmerksamkeit abverlangt. Das ist kein Buch, das man einfach so in die Hand nimmt, und über die insgesamt 265 Seiten so hinwegfegt. Es steckt so viel Tiefgründigkeit auf jeder einzelnen Seite, ja in nahezu jeder einzelnen geschriebenen Zeile, dass es mich anfänglich etwas überrollt hat. Daher empfiehlt es sich, das Werk, herausgegeben bei Klett-Cotta, in moderatem Tempo zu lesen, um seine ganze Tiefe und Wucht genießen zu können, und den eigenen Interpretationen genügend Raum zu lassen. Der Roman erzählt von der Installationskünstlerin Iona Bartschok, die vor 25 Jahren den Nachbau ihres Baumhauses aus Kinderzeiten zu ihrer Diplomarbeit machte. Bei einer Ausstellung in Leipzig wird das Kunstwerk durch den futterneidischen Maler Berto Straus verschandelt. Er besprüht die gefeierte und hoch dotierte Installation in Orange mit der Aufschrift „Bullshit“. Nach dem Anschlag auf ihr Werk zieht sich die Einzelgängerin Iona in eine ehemalige Industriehalle - ein umgebautes Umspannwerk- an einem künstlich gefluteten Tagebausee im Leipziger Umland zurück. Es ist eine vom Braunkohletagebau gezeichnete, renaturierte Landschaft, über die ein ständiger Wind fegt, heftige Regenfälle sich ergießen, gleichsam temporär extreme Dürre Boden und Pflanzenwelt auslaugt. Im Hinterkopf plant Iona bereits ihr nächstes Kunstwerk, diesmal eine futuristische Installation, nämlich die Landschaft, wie sie in 5000 Jahren aussehen könnte. Und die sieht in ihren düsteren Visionen menschenleer und karg aus. Doch es läuft etwas anders als geplant. Aus der Sicht von Iona geschrieben, beschreibt sie in Ich-Form ihre nicht endenden und sprunghaften Gedanken und Gefühle, die pausenlos kreisen um das Thema des Gewaltaktes an ihrem Baumhaus, dann schweifen sie in Rückblicken ab in die Vergangenheit, eine Zeit, wo sie als Kind auf einer Alm im Allgäu aufwuchs, umgeben von Natur und Tieren, sich selbst beschulend, Schutz und Sicherheit findend in ihrem mit eigenen Händen errichteten Baumhaus. Schon immer war sie eine Einzelkämpferin, analysiert sie in Rückblicken, sie hat viele Katastrophen erlebt, von denen man puzzleteilartig immer mehr erfährt, doch immer hat sie irgendwie einfach weitergemacht. Die Buchautorin lässt hier teilnehmen an allen inneren Gedankenflüssen der Hauptfigur, die mich zeitweise verwirrt, erstaunt, erschreckt, manchmal auch überfordert, aber gleichzeitig auch fasziniert haben. Einen solch interessanten, aber auch anspruchsvollen Roman, der so intensiv und sprachlich künstlerisch gestaltet wurde, habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Er packt unglaublich viele Themen an und legt die Finger in die Wunden der Zeit, geprägt von Naturkatastrophen wie Extremwetter, die Eingriffe der Menschen durch Tagebau und Kohleabbau mit den Folgen für die Umwelt, aber auch den Umgang der Menschen miteinander und die Einsamkeit, die Vergänglichkeit des Seins und dem was bleibt, wenn man geht, Nutzen und Gefahren von KI und Fortschritt, Nachhaltigkeit von Rohstoffen, und vor allen Dingen den großen Fragen rund um Kunst: Was macht Kunst aus, was ist überhaupt Kunst, wie langlebig ist sie, was darf und soll sie leisten? Sogar leise Untertöne lässt Hefter zu Ost und West einfließen, indem sie einbaut, dass Iona ja aus dem „Westen“ komme, sich allerdings als Österreicherin ausgibt, weil sie das Gefühl hat, sie werde von der Leipziger Kunstszene mit anderen Maßstäben bewertet. Insgesamt betrachtet fand ich besonders die eindringlichen Beschreibungen der Naturgewalten, des Extremwetters mit Dauerregen aber auch extremer Dürre erschreckend beeindruckend beschrieben. Manchmal spürte man sehr deutlich eine bedrohliche Endzeitstimmung, die sich regelrecht angsteinflößend in Iona breitmachte. Eine Frau, die ständig in ihrer Gedankenwelt unterwegs war, in ihrem Handeln sich dennoch durchaus auch pragmatisch zeigte, wenn es darauf ankommt, deren innerlich brodelnder Zorn sich jedoch in für mich teils unerklärlich extrem aggressiven Ausbrüchen entlud, die mich persönlich erschrocken und auch etwas verständnislos zurückließen. Insgesamt war der Roman aber für mich ein großartige intensive und bereichernde Leseerfahrung. Ich habe ihn gleich zweimal hintereinander gelesen, um besser zu verstehen, und dabei noch Neues für mich herausgefunden. Manche Dinge erschlossen sich bei mir im Nachgang besser, wenn auch nicht alle meine Fragen (bislang) beantwortet wurden. Vielleicht sollte ich das Buch noch ein weiteres Mal in die Hand nehmen? Es wäre definitiv keine Zeitverschwendung. Das ist kein Nullachtfünfzehn-Werk, das man Mal eben so liest, sondern eines, das noch lange nacharbeitet. Nicht alle Punkte konnte ich für mich endgültig klären, aber dieser gedankliche Spielraum, die das Buch einem lässt, macht es für mich so reizvoll, daher empfehle ich es gerne weiter.