Zwischen Kunst und Künstlichkeit

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christian1977 Avatar

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Iona Bartschok ist Installationskünstlerin und arbeitet gerade an einem Modell, das das Leben in 5.000 Jahren darstellen soll. Dafür hat sie sich in eine 200 Quadratmeter große Halle im ehemaligen Leipziger Tagebaugebiet zurückgezogen. Begleitet wird sie dabei zunächst nur von KI-Hund Robyn, der als kommender Prototyp eines Hundecompanions von ihr gepflegt und gefüttert werden soll. Persönlich kämpft sie damit, dass ihre Diplomarbeit vom Leipziger Künstlerkollegen Herto Straus diffamiert und verunstaltet wurde. Während draußen Stürme toben und das Klima verrückt spielt, begegnet sie der - diesmal realen - Hündin Bella, die sich als Seelentrösterin entpuppt und Iona ganz nebenbei einen neuen Blick darauf beschert, was Schönheit überhaupt bedeutet...

"Nach der Sonne schauen" heißt der neue Roman von Martina Hefter, die 2024 mit dem Vorgänger "Hey guten Morgen, wie geht es dir?" bekanntlich den Deutschen Buchpreis gewann. Erschienen ist er bei Klett-Cotta. Für mich war es die erste literarische Begegnung mit der Leipziger Autorin, die ich zuvor nur auf diversen Lesungen erleben durfte. Umso gespannter war ich darauf, ob mich das Buch überzeugen würde.

Bereits die Leseprobe hatte mich in ihren Bann gezogen. Martina Hefter gelingt es nämlich schon auf den ersten Seiten eindrücklich und äußerst plastisch, dieses merkwürdige Konstrukt des Leipziger Neuseenlandes literarisch lebendig werden zu lassen. Vermutlich hätte sich kein anderes Setting für diesen Roman besser geeignet als das ehemalige Tagebaugebiet, das zugleich so künstlich wie kunstvoll ist, das fasziniert und irgendwie doch abstößt. Schnell merkt man, dass die Handlung irgendwo in nicht allzu ferner Zukunft angesiedelt ist, denn noch sind die Winde nicht so stark wie in "Nach der Sonne schauen". Noch ist die Landschaft nicht so vertrocknet und auch die tagelangen sintflutartigen Regenfälle des Romans lassen in der Realität auf sich warten.

Hefters milde Dystopie zeichnet sich zwar durch eine permanente unterschwellige Bedrohlichkeit aus, doch "Nach der Sonne schauen" verliert seine Hoffnung ebenso wenig wie die Autorin. Sprachlich besticht das Buch durch poetische Beobachtungen, eine an Simone Weil angelehnte Philosophie der Schönheit, große Empathie für Mensch und vor allem Tier und immer wieder auch sanfte Komik. Wenn Ich-Erzählerin Iona Eier auf einen SUV wirft und anschließend vor Angst fast vergeht, ist dies einnehmend witzig. Wenn sie sich Schritt für Schritt ihrer Liebe für Hündin Bella bewusst wird, ist der Roman zutiefst warmherzig und menschlich. Und wenn abends die Winde wieder einmal um die große Halle wehen, vergeht das Buch fast vor Melancholie in einer zerstörerischen Welt. Da stören auch die merkwürdig anmutenden Namen nicht sonderlich.

Trotz des eher langsamen Erzähltempos beinhaltet "Nach der Sonne schauen" zudem zahlreiche aktuelle und gesellschaftsrelevante Themen. Neben dem menschengemachten Klimawandel und dem Unterschied zwischen Natur und Künstlichkeit fragt Hefter nämlich nicht nur nach der Schönheit in der Kunst, sondern auch danach, was Kunst und was Künstler eigentlich dürfen. Der diffamierende Künstler Herto Straus, der über Ionas Baumhaus-Kunstwerk "Bullshit" sprühte, ist ein Anagramm des Herostratus, der den Artemis-Tempel in Ephesos in Brand setzte. So erfahren wir es in den Nachbemerkungen Martina Hefters. Unter Herostratentum versteht man das Verbrechen, aus Geltungssucht Kulturgüter zu beschädigen. So steht es bei Wikipedia. Nun fällt es nicht schwer, an die Misstöne nach der Verleihung des Deutschen Buchpreises 2024 zu denken. Schon 2025 sagte Hefter im "Süddeutsche Zeitung Magazin" nach ihrer Zurückhaltung gefragt: "Ich glaube, ich kann sowas nur auf künstlerische Weise bearbeiten oder darauf reagieren.“ Dies hat sie nun auf originelle und charmante Art getan.

In erster Linie geht es Martina Hefter ohnehin um Verletzungen und Verletzlichkeiten bei Mensch, Tier und Natur. Und es ist gerade die große Empathie für die zahlreichen Tiere des Buches, die auch mein Herz für den Roman öffneten. Selbst Kunsthund Robyn tut Iona irgendwann leid. Doch letztlich ist es dann doch Bella, die am Ende der 270 Seiten den Zweikampf zwischen Künstlichkeit und Natur für ihre Protagonistin entscheidet und mich den Roman hoffnungsvoll zuschlagen ließ.