Therapie sind die anderen
„Narbenmädchen“, der Debutroman von Lilly Bogenberger, erschienen 2026 bei dtv, ist ein mutiges und ehrliches Buch über die mental issues einer jungen Generation, berührend und nah, ganz sicher nicht nur für die Zielgruppe Young Adult, und eine kleine Mahnung an eine Elterngeneration, sich trotz der ewigen Postadoleszenz mehr mit den eigenen Kindern zu beschäftigen – weil sie es verdienen. Das Cover ziert eindrücklich eine Distelblüte, ein starkes Bild einer Pflanze, die sich ein scheinbar bombensicheres Abwehrsystem gebaut hat – und doch von jedem starken Wind umgeknickt werden kann.
So geht es auch der Protagonistin Lara, 15 Jahre alt, die sich für vier Wochen auf einer Kur in einer Heilanstalt, dem Heilige-Elisabeth-Stift befindet, unter den Teilnehmenden „Elisabethknast“ genannt. Direkt im ersten Teil werden wir auf ihren Kur-Grund gestoßen: Lara verletzt sich selbst. Warum sie das tut, werden wir erst gegen Ende des Buches erfahren, wie generell die Hintergründe der Diagnosen der Jugendlichen, die sich auf der Kur befinden, erst mit der Zeit entblättert werden – was gut ist, denn viel wichtiger als die Begründungen für das Verhalten ist der Kampf der jungen Menschen mit ihren Symptomen und der angestrengte Versuch, in der Kur Therapie und Lebenslust zu finden. Lara fühlt sich im System Kur eingesperrt und nicht gesehen, ihr Drang zur Selbstverletzung ist auch ein Freund, der ihr hilft – und so braucht es vielleicht echte Freunde, um ihr einen Weg davon weg zu zeigen, ohne dass die Autorin behauptet, dass hierin die Lösung läge. Lara erlebt in der Kur auf dem engen Raum in einem geregelten Alltag viele Konflikte, aber auch eine zarte Annäherung an Finn und Neo, die ebenfalls große Päckchen mit sich tragen, wie alle der Jugendlichen. Bogenberger vereint viele Diagnosen in einem Raum und beschönigt dabei nicht, das Buch ist nicht ohne und spart auch suizidale Episoden nicht aus, lässt aber auch immer wieder eine Menge Humor aufblitzen und die Sonne der Hoffnung in die Welt scheinen. Es ist ein berührendes, nahbares Buch, in dem Bogenberger sehr genau den Ton und die Lebenswelt einer jungen Generation trifft, die von ihren Eltern aus vielen Gründen nicht gut gesehen wird. Ihr Roman ist auch ein Plädoyer dafür, sich nicht mit einfachen Sichtweisen und Antworten zufriedenzugeben, genauer hinzuschauen.
Ein Manko des Buches ist leider die Grundkonstellation – diese ist nicht real. Dieses Ausmaß an Diagnosen wäre nicht kur-fähig und die jungen Menschen würden deshalb nie eine solche Kur verschrieben bekommen, hier würde zunächst deutlich mehr Therapie verordnet werden, bevor eine Kur in Betracht käme. Daran krankt der Roman an vielen Stellen, wobei ein junges Publikum wahrscheinlich darüber hinwegliest – mich hat es doch sehr gestört. Und leider driftet die Autorin auch in Klischees ab, natürlich konsumieren die psychisch labilen Jugendlichen auch Drogen, trinken sehr viel Alkohol, rauchen usw. Da wird nicht viel ausgelassen und das ist schade, weil es zum einen nicht wirklich eingeordnet wird, zum anderen aber eben ein Klischee ist, wahrlich nicht alle psychisch instabilen Jugendlichen verhalten sich so, ich würde mutmaßen, noch nicht einmal die Mehrheit.
Davon ab aber habe ich die knapp 350 Seiten in einem Rutsch durchlesen können und bin von diesem Debut mehr als angetan. Bogenberger schreibt lebendige Figuren mit Tiefgang und lässt uns geschickt immer tiefer in diese und ihre Beziehungen eintauchen, sie schont die Lesenden nicht und zeigt auch offen, wie schwer es ist, hier passgenau zu helfen. Viele Szenen gehen sehr ans Herz und am Ende zeigt sich: Therapie sind immer die anderen. Es braucht ein gutes Netz und dieses muss selbstgewählt sein, nur dann kann das Schutzsystem aus Stacheln aufgebrochen werden. Verantwortungsbewusst stellt die Autorin eine ausführliche Triggerwarnung voran und im Nachwort finden sich viele Adressen für Hilfsangebote. Dieses Buch hätte mir vor 20 Jahren sicher viel bedeutet und auch heute noch hat es mich auf eine emotional glaubhafte Reise genommen. Von Lilly Bogenberger werden wir noch lesen.
Ein großes Dankeschön an vorablesen.de und dtv für das Rezensionsexemplar!
So geht es auch der Protagonistin Lara, 15 Jahre alt, die sich für vier Wochen auf einer Kur in einer Heilanstalt, dem Heilige-Elisabeth-Stift befindet, unter den Teilnehmenden „Elisabethknast“ genannt. Direkt im ersten Teil werden wir auf ihren Kur-Grund gestoßen: Lara verletzt sich selbst. Warum sie das tut, werden wir erst gegen Ende des Buches erfahren, wie generell die Hintergründe der Diagnosen der Jugendlichen, die sich auf der Kur befinden, erst mit der Zeit entblättert werden – was gut ist, denn viel wichtiger als die Begründungen für das Verhalten ist der Kampf der jungen Menschen mit ihren Symptomen und der angestrengte Versuch, in der Kur Therapie und Lebenslust zu finden. Lara fühlt sich im System Kur eingesperrt und nicht gesehen, ihr Drang zur Selbstverletzung ist auch ein Freund, der ihr hilft – und so braucht es vielleicht echte Freunde, um ihr einen Weg davon weg zu zeigen, ohne dass die Autorin behauptet, dass hierin die Lösung läge. Lara erlebt in der Kur auf dem engen Raum in einem geregelten Alltag viele Konflikte, aber auch eine zarte Annäherung an Finn und Neo, die ebenfalls große Päckchen mit sich tragen, wie alle der Jugendlichen. Bogenberger vereint viele Diagnosen in einem Raum und beschönigt dabei nicht, das Buch ist nicht ohne und spart auch suizidale Episoden nicht aus, lässt aber auch immer wieder eine Menge Humor aufblitzen und die Sonne der Hoffnung in die Welt scheinen. Es ist ein berührendes, nahbares Buch, in dem Bogenberger sehr genau den Ton und die Lebenswelt einer jungen Generation trifft, die von ihren Eltern aus vielen Gründen nicht gut gesehen wird. Ihr Roman ist auch ein Plädoyer dafür, sich nicht mit einfachen Sichtweisen und Antworten zufriedenzugeben, genauer hinzuschauen.
Ein Manko des Buches ist leider die Grundkonstellation – diese ist nicht real. Dieses Ausmaß an Diagnosen wäre nicht kur-fähig und die jungen Menschen würden deshalb nie eine solche Kur verschrieben bekommen, hier würde zunächst deutlich mehr Therapie verordnet werden, bevor eine Kur in Betracht käme. Daran krankt der Roman an vielen Stellen, wobei ein junges Publikum wahrscheinlich darüber hinwegliest – mich hat es doch sehr gestört. Und leider driftet die Autorin auch in Klischees ab, natürlich konsumieren die psychisch labilen Jugendlichen auch Drogen, trinken sehr viel Alkohol, rauchen usw. Da wird nicht viel ausgelassen und das ist schade, weil es zum einen nicht wirklich eingeordnet wird, zum anderen aber eben ein Klischee ist, wahrlich nicht alle psychisch instabilen Jugendlichen verhalten sich so, ich würde mutmaßen, noch nicht einmal die Mehrheit.
Davon ab aber habe ich die knapp 350 Seiten in einem Rutsch durchlesen können und bin von diesem Debut mehr als angetan. Bogenberger schreibt lebendige Figuren mit Tiefgang und lässt uns geschickt immer tiefer in diese und ihre Beziehungen eintauchen, sie schont die Lesenden nicht und zeigt auch offen, wie schwer es ist, hier passgenau zu helfen. Viele Szenen gehen sehr ans Herz und am Ende zeigt sich: Therapie sind immer die anderen. Es braucht ein gutes Netz und dieses muss selbstgewählt sein, nur dann kann das Schutzsystem aus Stacheln aufgebrochen werden. Verantwortungsbewusst stellt die Autorin eine ausführliche Triggerwarnung voran und im Nachwort finden sich viele Adressen für Hilfsangebote. Dieses Buch hätte mir vor 20 Jahren sicher viel bedeutet und auch heute noch hat es mich auf eine emotional glaubhafte Reise genommen. Von Lilly Bogenberger werden wir noch lesen.
Ein großes Dankeschön an vorablesen.de und dtv für das Rezensionsexemplar!