Zwischen Verlorensein und leiser Hoffnung

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wortteufel Avatar

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Judith Hoersch zieht einen mit einer stillen Wucht in ihre Geschichte hinein: Bereits im Prolog atmet jeder Satz Verlust, Sehnsucht und diese Art Schmerz, die sich nicht laut äußert, sondern schwer im Brustkorb sitzt. Alma, die am Bahnsteig erstarrt, unfähig einzusteigen, während eine Mutter ihre Tochter umarmt – dieser Moment trifft unmittelbar und macht klar, wohin der Roman emotional zielt.

Die frühen Kapitel entfalten dann ein faszinierendes Spannungsfeld: das raue, manchmal schmutzige Berlin der frühen 80er, der Geräuschpegel der Stadt, die Flohmarktstände, der Dschungel-Club – und mittendrin Marie, so verletzlich, so elfenhaft beschrieben, dass man sie sofort beschützen möchte. Ihre Begegnungen mit Leonard entwickeln eine Intimität, die nicht kitschig ist, sondern schmeckt wie eine Mischung aus Zigarettenrauch, Euphorie und diesem flirrenden Gefühl, zum ersten Mal gesehen zu werden. Gerade deshalb schmerzt es, als die Härte ihrer Vergangenheit und die Konsequenzen eines unausgesprochenen Übergriffs sie einholen.

Parallel dazu Gabriele – eine Frau, die nach dem Tod ihres Kindes wie aus Stein weiterlebt, nüchtern und mit einer fast erschütternden Disziplin. Ihre Kapitel sind leiser, aber nicht weniger eindringlich, weil sie diese trostlose, erschöpfte Realismusnote mitbringen.

Der Stil ist unmittelbar, sehr atmosphärisch und voller kleiner Beobachtungen, die die Figuren lebendig machen: der Geruch von Sommerregen über Asphalt, der Blick durch die Polaroidkamera, die Unsicherheiten und das Schweigen zwischen zwei Menschen, die eigentlich zueinander wollen. Hoersch erzählt mit Empathie, aber ohne Beschönigung – eine Geschichte über Verlust, Mutterschaft, Selbstentfremdung und dieses leise Sich-Zusammensetzen nach einem Bruch.