Große Seeschlacht, lange Flaute, stärkeres letztes Drittel

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isatek Avatar

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Mit „Nightweaver“ hat R. M. Gray einen Fantasyroman geschaffen, der mit einer sehr starken Einstiegsszene beginnt. Die Schlacht auf dem Schiff ist spannend und atmosphärisch geschrieben – für mich der ausschlaggebende Grund, dieses Buch lesen zu wollen.
Umso überraschter war ich, dass die Geschichte nach diesem intensiven Auftakt ausschließlich an Land weitergeht. Statt Piratenabenteuer auf See erwartet uns das Leben auf dem Anwesen der Familie Castor. Aster muss sich mit ihrer neuen Rolle als Bedienstete arrangieren, hadert mit dem Verlust ihres alten Lebens - was der Rest ihrer Familie vermeintlich unbeeindruckt hinnimmt - und schwört insgeheim Rache für den Tod ihres Bruders.
Der Schreibstil ist einfach und auch durch die Ich-Perspektive im Präsens lässt sich die Geschichte angenehm verfolgen. Man kommt gut durch die Seiten, ohne dass es sprachlich allzu eintönig wird. Dennoch verlor die Handlung nach dem fulminanten Einstieg für mich spürbar an Spannung. Zwar gibt es immer wieder überraschende und teilweise explizit gewaltvolle Szenen, doch wirklich mitreißend wurde es für mich erst wieder im letzten Drittel.
Ein großer Kritikpunkt ist die enorme Anzahl an Figuren. Neben Asters neunköpfiger Familie werden zahlreiche weitere Charaktere eingeführt. Zwar hilft die Übersicht in der Buchklappe, dennoch dauerte es lange, bis ich die Personen sicher zuordnen konnte. Das erschwerte mir den Lesefluss.
Hinzu kommt, dass Aster nicht müde wird zu betonen, wie furchtlos und gefährlich sie ist und wie viele Menschen sie bereits getötet hat – mit 17 Jahren wirkte das auf mich irgendwann eher überzogen als beeindruckend. Leider fiel es mir schwer, eine echte Bindung zu ihr aufzubauen.
Das Worldbuilding und das Magiesystem sind nicht sehr komplex. Die Informationen dazu werden jedoch gut dosiert vermittelt, sodass man der Welt problemlos folgen kann.
Im letzten Drittel nimmt die Geschichte dann endlich wieder Fahrt auf. Die Enthüllungen sind gut platziert, das Tempo zieht deutlich an, und auch wenn einige Wendungen erahnbar sind, funktionieren sie erzählerisch sehr gut. Das Ende hat mich letztlich versöhnt und neugierig auf die Fortsetzung gemacht.
Ich würde das Buch Lesern empfehlen, die bereit sind, über die Längen im Mittelteil hinwegzusehen, und die sich nicht an expliziten Gewaltszenen stören. Für manche Leser wäre eine Triggerwarnung möglicherweise sinnvoll gewesen.