Ich suche meinen Mörder.

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odile Avatar

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Lis Castrop, eine Spitzenköchin, liegt im Sterben. Ihr Arbeitgeber, die Milliardärsfamilie Harman, wurde mit dem Essen vergiftet, das sie gekocht hat. Alle sind tot, nur sie hat noch eine Galgenfrist von fünf Tagen. Die Schweizer Polizei hält die Köchin für die Täterin. Sie soll Familie Harman mit Polonium 210 vergiftet haben, obwohl sie selbst betroffen ist. Lis erkennt, dass ihr nur noch die Zukunft ihrer Tochter Cosima wichtig ist. Also beginnt sie von ihrem Sterbebett aus zu ermitteln. Es ist nachvollziehbar, dass Zeit hier die entscheidende Rolle spielt.

Die Autorin Helena Falke hat mit „Noch fünf Tage“ einen ungewöhnlichen wie spannenden Thriller geschrieben, der neben einem beeindruckenden Setting mit präziser, klarer Sprache überzeugt. Ich habe das Buch nur ungern aus der Hand gelegt.

Der ungewöhnliche Plot dieses Romans hat mich sofort getriggert. Wie reagiert ein Mordopfer, dessen Leben unaufhaltsam in 5 Tagen endet? Mit dem Schicksal hadern? In Selbstmitleid versinken? Den Nachlass regeln? Oder einfach resignieren? Alle diese Stadien durchläuft Lis und nur ihre Pflegerin Esme begleitet sie dabei. Wie in einem persönlichen Tagebuch werden Szenen aus ihrem Leben erzählt. Stationen ihrer Karriere und Erlebnisse mit den einzelnen Mitgliedern der Familie Harman. Wie mit Reeta, der Frau an der Seite des Milliardärs. Dank Lis überwindet sie ihre Unsicherheit und kann die Freundinnen gewinnen, die sie für passend hält. Doch wegen einer Kleinigkeit erniedrigt sie ihre Köchin. Lis erinnert sich: „Ich wurde noch nie so sehr gedemütigt in meinem Leben“. Alle Familienmitglieder Harman verfügen gleichermaßen über Potenzial und Abgründe. Es ist teilweise sehr desillusionierend in die Welt der Superreichen einzutauchen.

Mithilfe ihrer Recherchen will Lis dem Mörder auf die Spur kommen. Wer von den Harmans war das eigentliche Ziel? Wer nur Kollateralschaden? Unterbrochen werden diese Überlegungen nur von den Abläufen und wenigen Besuchern im Krankenzimmer. Ähnlich wie in einem Kammerstück treten nur vereinzelt Akteure persönlich in Erscheinung.

Lis aus deren Perspektive die ganze Geschichte erzählt wird, ist eine starke Persönlichkeit. Intelligent, kreativ, loyal, zielstrebig. Vielleicht etwas zu großzügig. Zu wenig egoistisch? Mir scheint, die Harmans nutzten sie skrupellos aus, weit über ihren Job hinaus. Über allem darf man Lis Leidenschaft für ihren Beruf nicht vergessen. Sie liebte es, köstliche Kreationen zu erschaffen, die mir immer wieder das Wasser im Mund zusammenlaufen ließen.

Im Verlauf ihres Sterbeprozesses gewinnt Lis eine beeindruckende Klarheit. Dazu tragen die ernsthaften Gespräche mit der Pflegerin Esme und der Sterbebegleiterin Chrissie bei. Die anderen Protagonisten verfügen nicht annähernd über ihre Tiefe. Hier wird Lis‘ Geschichte erzählt. Während der ganzen Zeit ist der Tod immer präsent.

Ich fand Lis Geschichte spannend und vielschichtig. Es hat mich beeindruckt, dass sie, den Ablauf ihres eigenen Countdowns ignorierend, recherchiert, Motive prüft, Ereignisse reflektiert und so stur ihren Plan verfolgt. Das wirkt mitunter kühl und distanziert, doch anders kann sie ihr Ziel nicht erreichen. Schließlich weiß Lis, dass sie in Kürze ihre geliebte Tochter für immer verlassen muss.

Die Erzählung nimmt einige Wendungen und wartet mit einer echten Überraschung auf. Schlussendlich erreicht Lis alle Ziele, die sie noch hatte. Sie deckt die Identität des Täters auf und erkennt das Motiv. Und sie kann Cosima eine gesicherte Zukunft hinterlassen.

"Noch fünf Tage" präsentiert ein Mordopfer, das noch am Leben ist, aber unweigerlich sterben wird. Daraus ergibt sich eine völlig ungewöhnliche Perspektive auf das Leben, den Tod, das Sterben und den ganzen Rest. Ich habe das Buch gern gelesen, obwohl es nicht immer einfach ist, die zum Tode verurteilte Lis zu begleiten. Die Endlichkeit bereitet Unbehagen.