Wie klärt man einen Mord, wenn man selbst das Opfer ist?

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
nil Avatar

Von

Manchmal reicht ein einziger Abend, um ein ganzes Leben aus der Bahn zu werfen. Für Lis beginnt alles mit einem luxuriösen Silvesterdinner in Davos – und endet mit einer Diagnose, die kaum brutaler sein könnte: Vergiftung. Radioaktives Polonium. Fünf Tage bis zum sicheren Tod.
Helena Falke nimmt ihre Leser:innen in „Noch fünf Tage“ mit in einen Thriller, der nicht von Verfolgungsjagden lebt, sondern von Zeitdruck – und zwar einem gnadenlosen. Die Milliardärsfamilie Harman ist nach dem Festmahl tot, das Lis als exklusive Köchin für sie zubereitet hat. Sie selbst hat nur eine geringere Dosis des Gifts abbekommen. Genug, um noch wenige Tage zu leben. Genug Zeit, um herauszufinden, was wirklich passiert ist.
Der Roman entfaltet seine Spannung aus einer ungewöhnlichen Perspektive: Lis erzählt ihre Geschichte selbst. Vom Krankenhausbett in einer luxuriösen Klinik aus versucht sie, die Ereignisse der Silvesternacht zu rekonstruieren. Gleichzeitig muss sie sich mit einer viel größeren Frage auseinandersetzen: Wie verabschiedet man sich von seinem Leben – und vor allem von seiner Tochter?
Gerade dieser Aufbau macht den Thriller so intensiv. Statt klassischer Kapitel strukturiert Falke die Handlung mit Tages- und Uhrzeitangaben, die wie ein Countdown wirken. Beim Lesen hört man förmlich die Sekunden ticken. Jede Szene fühlt sich an wie ein kleiner Wettlauf gegen die Zeit – und gegen Lis’ schwindende Kräfte.
Auch stilistisch hat das Buch eine eigene Dynamik. Die Ich-Perspektive zieht einen unmittelbar in Lis’ Gedankenwelt hinein. Ihre Erinnerungen, Zweifel und Vermutungen wirken fast tagebuchartig – fragmentarisch, manchmal sprunghaft, aber gerade dadurch sehr nahbar. Rückblicke auf ihre Karriere in einer Londoner Spitzenküche oder ihre Zeit mit der Familie Harman fügen sich nach und nach zu einem größeren Bild zusammen. Stück für Stück entstehen Hinweise, Motive und Verdachtsmomente.
Besonders faszinierend fand ich die vielen kulinarischen Details. Falke beschreibt Lis’ Arbeit als Spitzenköchin so lebendig, dass man beim Lesen fast den Duft der Gerichte wahrnehmen kann. Diese luxuriöse Welt der Sterneküche und der Superreichen bildet einen starken Kontrast zur beklemmenden Situation im Krankenhaus, in der Lis versucht, ihr Leben zu ordnen.
Doch der Roman lebt nicht nur von Spannung. Er hat auch eine sehr emotionale Seite. Lis ist nicht nur Verdächtige und Ermittlerin in eigener Sache – sie ist vor allem Mutter. Die Szenen mit ihrer Tochter Cosima gehören zu den berührendsten Momenten des Buches und geben dem Thriller eine Tiefe, die über die reine Krimihandlung hinausgeht.
So entsteht eine Geschichte, die gleichzeitig rasant und nachdenklich ist. Ein Thriller, der fragt: Was bleibt von einem Menschen, wenn seine Zeit abläuft – und was ist man bereit zu tun, um die Wahrheit noch ans Licht zu bringen?
„Noch fünf Tage“ ist ein ungewöhnlicher, temporeicher Thriller mit einem cleveren Aufbau, einer starken Hauptfigur und einem Countdown, der einen bis zur letzten Seite unter Spannung hält. Ein Buch, das man nicht nur liest – man zählt die Stunden mit.