Chronik des Scheiterns
Von allen Themen, über die man Romane schreiben kann, hätte ich niemals 'Fleischerkunst' gewählt. Dennoch fand ich die Leseprobe skurill genug, um mich an Ochsenkopf heranzuwagen und was soll ich sagen - dieses Buch ist ein absoluter Page-Turner. Nie hätte ich gedacht, dass man über Fleisch so poetisch und spannend schreiben kann. Ja, der Roman ist nicht unbedingt geeignet für zart besaitete Menschen und ja, man könnte warnen "nicht für Veganer" (wobei ich überhaupt nicht finde, dass Veganer das Buch nicht mögen würden). Aber der Roman will Fleischkonsum überhaupt nicht verherrlichen, ganz im Gegenteil übt er starke Kritik an Massentierhaltung und der Fleischidustrie. Und auch wenn Fleisch natürlich auf jeder einzelnen Seite des kurzen Romans eine Rolle spielt, geht es eigentlich um viel existenziellere Themen. Der Protagonist ist schon seit seiner Kindheit ein Außenseiter und wird diese Rolle auch niemals los. Die einzige wahre Liebe seines Lebens ist die zu der Metzgerskunst, die er wie kein Zweiter beherrscht, die aber auch ihn beherrscht. Seine Obsession führt zu einer Fehlentscheidung nach der anderen und ist gleichzeitig faszinierend und schmerzhaft zu lesen. Dennoch ist auch sehr viel (holländischer?) Humor dabei, Schmunzeln und Erschaudern wechseln sich ab und der Roman hat mehr philosophisch-psychologische Tiefe, als das Thema jemals vermuten lassen würde. Kompliment auch an die großartige Arbeit der Übersetzerin Ruth Löbner, Ochsenkopf liest sich derart geschmeidig, dass man gar nicht denken würde, es handelt sich um eine Übersetzung.