"Fleischeslust" in literarischer Höchstform

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angie99 Avatar

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„Fleischeslust“ in literarischer Höchstform
Ausgerechnet Gaea Schoeters hat einen Blurb auf der Rückseite des Buches beigetragen; tatsächlich fühlte ich mich beim Lesen durchaus an die ebenfalls Niederländisch schreibende Autorin erinnert. Denn wenn ich jemandem erklären musste, warum „Trophäe“ einer der beeindruckendsten Romane der letzten Jahre für mich ist, erntete ich nur verwirrte Blicke: „Jagd? Töten? Das findest du gut? Im Ernst?!“
Nun also „Ochsenkopf“.
Ich höre schon die Kommentare: „Metzgerei? Schlachten? Das findest du gut? Im Ernst?!“ Nein, ich persönlich habe keinen Spaß an verendenden Tieren und blutigen Szenen - aber müsste sich nicht jeder fleischessende Mensch damit auseinandersetzen können?! Und: Ja! Es ist ein gutes Buch! Wenn ich beim Lesen so nah dran bin, dass ich den warmen Atem der (noch nicht getöteten) Tiere auf meiner Haut spüre, wenn ich lerne, die Dinge – in diesem Fall die Fleischtheke – aus anderer Sicht zu sehen, wenn ich plötzlich die Faszination für eine bestimmte Leidenschaft nachvollziehen kann – dann ist das für mich großartige Literatur. Und genau das passiert hier.

Nicht in der afrikanischen Wildnis, sondern in der niederländischen Provinz befinden wir uns in „Ochsenkopf“. Rensing fühlt sich schon seit seiner Kindheit am wohlsten in der Metzgerei seines Vaters. Mit unglaublicher Intuition widmet er sich diesem Handwerk, erkennt das hochwertigste Vieh von weitem, zerlegt das Fleisch mühelos in die wertvollsten Stücke. Seine Meisterschaft auf diesem Gebiet führt ihn allerdings nicht zum Erfolg, denn der starrsinnige Rensing verweigert sich der wirtschaftlichen Realität und seine Kundschaft ist nicht bereit, für die angebotene Qualität zu bezahlen. – Eine scheinbar unscheinbare Lebensgeschichte, und doch fesselt sie ab der ersten Seite, weil Manik Sarkar so präzise beschreibt, wie Rensing sein Messer führt. Jeder einzelne seiner Schnitte durchs Fleisch wird zu einem Erlebnis.

Gleichzeitig hält der Autor der Gesellschaft einen Spiegel vor: Wieso wissen wir sowohl gutes Essen als auch gutes Handwerk nicht mehr zu schätzen, nur weil es im Supermarkt günstigere Angebote gibt? Warum schreien wir nach Tierwohl, wollen dafür aber nicht bezahlen? Ohne Wertung, ohne Moralin, aber mit unerbittlicher, teilweise schon satirisch-grotesk anmutender Konsequenz denkt Sarkar diese Entwicklungen weiter. Und zu einem (sowohl für Konsument als auch Produzent) erschreckenden Ende, das ich mir zwar nicht gewünscht habe, aber in sich stimmig ist.

Ich habe diesen Roman so gierig verschlungen wie andere ein blutiges Steak. Sarkars Schreibe – und nicht zu vergessen, auch die Übersetzung von Ruth Löbner – wirkt wie aus einem Guss. Die gewählten Metaphern nehmen Bezug zur fleischlichen Lebenswelt, die Wortwahl ist stets treffend, die Handlung überraschend spannend. Neben Rensing sind auch die anderen Charaktere, allen voran seine sich emanzipierende Frau, lebendig gezeichnet.

Ein kleiner Kritikpunkt besteht in der Preisgestaltung des Verlages: 23€ für gute 170 Seiten wirken abschreckend auf ein breites Publikum. Doch genau das hätte dieser beeindruckende Roman verdient.