Bevor die Erinnerungen verloren gehen hilft ein Reisbällchen bei der Spurensuche in der Vergangenheit

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
zansarah Avatar

Von

Mit Onigiri ist Yuko Kuhn ein berührender und vielschichtiger Roman gelungen, der sich mit Familie, Identität, Migration und dem schmerzhaften Verlust von Erinnerungen auseinandersetzt. Im Mittelpunkt steht Aki, die mit ihrer an Demenz erkrankten Mutter Keiko noch einmal nach Japan reist, um gemeinsam Orte ihrer Vergangenheit aufzusuchen. Was zunächst wie eine letzte Reise erscheint, entwickelt sich zu einer bewegenden Spurensuche nach den Wurzeln der Mutter und zugleich nach Akis eigener Geschichte.
Besonders beeindruckend ist die authentische und einfühlsame Darstellung der Demenzerkrankung. Keikos zunehmender Verlust von Erinnerungen wird weder dramatisiert noch beschönigt, sondern mit großer Sensibilität geschildert. Dadurch gelingt es der Autorin, Verständnis für die Herausforderungen von Betroffenen und ihren Angehörigen zu wecken. Die Beobachtungen Akis wirken glaubwürdig und berührend und verleihen dem Roman eine besondere emotionale Tiefe.
Darüber hinaus überzeugt Onigiri durch seine komplexe Familiengeschichte. Nach und nach entfaltet sich ein vielschichtiges Bild von Keikos Leben als japanische Einwanderin in Deutschland, ihrer schwierigen Ehe mit Karl und den Belastungen, die sich über Generationen hinweg fortsetzen. Der Roman zeigt eindrucksvoll, wie familiäre Konflikte, psychische Erkrankungen und unausgesprochene Verletzungen das Leben von Eltern und Kindern prägen können. Gleichzeitig eröffnet er einen differenzierten Blick auf die kulturellen Spannungen zwischen Deutschland und Japan sowie auf Fragen von Zugehörigkeit und Identität.
Die Ich-Erzählerin Aki trägt wesentlich zur Wirkung des Romans bei. Sie reflektiert ihr eigenes Verhalten kritisch, gesteht Fehler ein und bemüht sich um ein ehrliches Verständnis ihrer Eltern. Dadurch entsteht eine glaubwürdige und authentische Erzählstimme, die den Leser unmittelbar an ihren Gedanken und Gefühlen teilhaben lässt. Besonders die ambivalente Beziehung zwischen Mutter und Tochter wird mit großer Feinfühligkeit dargestellt. Liebe, Fürsorge, Enttäuschung und Schmerz stehen gegenüber und machen die Figuren menschlich und nahbar.
Eine besondere symbolische Bedeutung kommt den Onigiri zu, den traditionellen japanischen Reisbällchen, die Aki seit ihrer Kindheit mit Trost und Geborgenheit verbindet. Sie werden zum Sinnbild mütterlicher Liebe und familiärer Verbundenheit und ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte.
Auch formal überzeugt der Roman. Die Handlung springt zwischen Gegenwart und Erinnerungen, sodass sich das Bild der Familie nach und nach zu einem facettenreichen Mosaik zusammensetzt. Dieser Aufbau kann zu Beginn etwas verwirrend wirken, da die zahlreichen Rückblenden Konzentration erfordern. Ebenso sollten Leserinnen und Leser wissen, dass die Geschichte weniger von äußerer Spannung als von inneren Entwicklungen, Erinnerungen und zwischenmenschlichen Beziehungen lebt. Zudem behandeln die Themen Demenz, Depression, familiäre Konflikte und Suizid schwere und teilweise belastende Inhalte.
Onigiri regt dazu an, die eigene Familiengeschichte zu hinterfragen, die Perspektiven der Eltern besser zu verstehen und sich mit den Spuren auseinanderzusetzen, die vergangene Generationen hinterlassen. Besonders Leser*innen, die psychologisch tiefgründige Familiengeschichten und emotionale Charakterstudien schätzen, werden in diesem Roman eine bewegende und lohnende Lektüre finden.