Ich höre jetzt auf jedes unbekannte Geräusch …

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antjep78 Avatar

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Ich höre jetzt auf jedes unbekannte Geräusch …
Ganz ehrlich: Ich bin immer noch ein bisschen verwirrt von dem, was ich da gerade gelesen habe. So etwas ist mir bisher tatsächlich noch nie begegnet. Ein komplettes Buch konsequent aus der Sicht eines achtjährigen Kindes und dann auch noch eine derart unheimliche Geschichte. Total verrückt. Aber ich fand es richtig gut!
Im Mittelpunkt steht die achtjährige Bela. Nachts kommt eine „andere Mommy“ aus ihrem Schrank. Anfangs könnte man noch glauben, dass es sich um die Fantasie eines Kindes oder vielleicht um eine imaginäre Freundin handelt. Doch die andere Mommy will etwas von Bela: Sie möchte von ihr in ihr „Herz“ gelassen werden.
Und je länger Bela sich weigert, desto bedrohlicher wird die Situation.
Was zunächst auf Belas Zimmer beschränkt scheint, breitet sich immer weiter aus. Plötzlich ist die andere Mommy nicht mehr nur nachts da. Bela begegnet ihr auch außerhalb ihres vermeintlich sicheren Rückzugsortes. Gleichzeitig gerät das Familienleben immer stärker aus den Fugen. Mommy und Daddo kämpfen mit ihren eigenen Problemen und versuchen zunächst, Erklärungen für das zu finden, was ihre Tochter erlebt. Aber irgendwann lässt sich die Bedrohung nicht mehr so einfach wegdiskutieren.
Das Besondere an diesem Buch ist für mich ganz klar die Erzählperspektive. Wir erleben wirklich alles durch Belas Augen. Und zwar nicht einfach nur einen Roman mit einem Kind als Hauptfigur – die gesamte Sprache, Wahrnehmung und sogar die Gestaltung des Textes orientieren sich an ihr.
Bela erzählt in kurzen und teilweise unvollständigen Sätzen. Dialoge sind eingerückt, dazwischen gibt es viele Leerzeilen und manches wirkt beinahe fragmentarisch. Anfangs musste ich mich daran gewöhnen. Aber irgendwann habe ich gemerkt, wie unglaublich gut diese Form zur Geschichte passt.
Denn Bela versteht vieles von dem, was um sie herum passiert, selbst nicht.
Sie nimmt Gespräche ihrer Eltern wahr, beobachtet ihre Reaktionen und beschreibt Situationen, kann sie aufgrund ihres Alters aber nicht vollständig einordnen. Als erwachsene Leserin versteht man teilweise mehr als Bela und genau das fand ich unglaublich spannend. Man beginnt automatisch, zwischen den Zeilen zu lesen und sich aus ihren Beobachtungen ein eigenes Bild zusammenzusetzen.
Und dann ist da natürlich die andere Mommy.
Der Horror entsteht für mich weniger durch große Schockmomente als durch dieses permanente Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt. Ein Schrank. Ein unbekanntes Geräusch. Ein Geruch. Ein Muster auf einer Tapete. Eigentlich völlig alltägliche Dinge bekommen plötzlich etwas Bedrohliches.
Besonders beklemmend fand ich, wie Bela nach und nach ihre Sicherheit verliert. Eigentlich sollten Mommy und Daddo diejenigen sein, die sie beschützen. Doch auch sie geraten zunehmend an ihre Grenzen. Und spätestens, wenn die Erwachsenen selbst Angst bekommen, verändert sich die Geschichte noch einmal.
Gleichzeitig kann ich mir sehr gut vorstellen, dass „Other Mommy“ polarisiert.
Denn vieles von dem, was dieses Buch für mich so besonders macht, könnte andere Leserinnen und Leser vermutlich wahnsinnig machen. Die kindliche Sprache wiederholt sich zwangsläufig, die Handlung wirkt stellenweise sprunghaft und das Buch erklärt einem längst nicht alles. Wer klare Antworten, eine klassische Erzählstruktur und eine Handlung sucht, die möglichst zügig voranschreitet, könnte damit Schwierigkeiten haben.
Für mich sind genau diese vermeintlichen Schwächen aber größtenteils die Kehrseite der größten Stärke des Romans: seiner kompromisslosen Perspektive.
Man muss bereit sein, sich darauf einzulassen. Ich habe es getan und wurde mit einer intensiven und vor allem völlig eigenständigen Leseerfahrung belohnt.
Ich habe schon viele Thriller, Krimis und düstere Geschichten gelesen. Aber so etwas habe ich definitiv noch nicht gelesen.
Und falls es heute Nacht irgendwo in meiner Wohnung plötzlich knackt …
… möchte ich eigentlich gar nicht wissen, was da gerade aus irgendeinem Schrank kommt.