Ein Buch zur rechten Zeit - schmerzhaft, einfühlsam, bewegend

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Katharina Höftmanns „Ozean“ erzählt die Geschichte zweier Freundinnen über mehrere Generationen hinweg. 1932 lernen sich Friedchen, die aus armen Verhältnissen stammt, und Paula, die aus einer wohlhabenden jüdischen Familie kommt, kennen. Trotz ihrer Unterschiede entsteht eine enge Freundschaft. Mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten werden Paula und ihre Familie zunehmend verfolgt. Flucht, Trennung und die Schrecken des Holocausts verändern das Leben der beiden Frauen für immer. Damit steht die berührende Geschichte der beiden Frauen und ihrer Familien stellvertretend für Millionen von Menschen in Europa. „Ozean“ ist ein zeitloses Buch zur rechten Zeit.
Der Roman verknüpft die Geschichte der 30er Jahre mit den 50er Jahren, in denen sich zeigt, wie die Ereignisse das Leben der Überlebenden geprägt haben, und mit dem Jahr 2023. In einem Kibbuz nahe des Gazastreifens erleben die Ururenkelinnen Yuval und Noa die Bedrohung durch den Nahostkonflikt und die Gewalt nach dem Angriff der Hamas am 7. Oktober. Durch die drei Zeitebenen verbindet die Autorin Vergangenheit und Gegenwart und zeigt, wie Krieg, Verfolgung und Verlust über Generationen hinweg nachwirken. Im Mittelpunkt stehen Freundschaft, Liebe und Menschlichkeit, aber auch die Hoffnung auf Zusammenhalt in schwierigen Zeiten. Zentral verhandelt wird jüdisches Leben und Antisemitismus über etwa 100 Jahre hinweg, mitten in der Gesellschaft, mitten in internationalen Beziehungen. Für mich stand während des Lesens die Frage im Raum, wie das jüdische Volk immer wieder befeindet wurde und wann sowie wie es historisch bedeutsam zur Ruhe kommen könnte.
Dargestellt wird dies an der das Buch tragenden Freundschaft von Friedchen und Paula über gesellschaftliche Grenzen hinweg. Sie hilft, die Geschichte der Judenverfolgung sowie deren Auswirkungen durch persönliche Lebensentwürfe plastisch zu machen. Der Roman schildert Ausgrenzung, Verfolgung, Flucht und enthält grausame, kaum aushaltbare Schilderungen von Auschwitz. Während dieser Zeit war den beiden Freundinnen Nähe nicht möglich. Es geht nicht nur um die Verbrechen selbst, sondern auch darum, wie Überlebende mit dem Erlebten weiterleben und wie jüdische Menschen in der Nachkriegszeit behandelt wurden.
Die wechselnden drei Zeitebenen ermöglichen es, unterschiedliche Schicksale und Erfahrungen kennenzulernen. Die Zusammenhänge zwischen den Generationen und Ereignissen erschließen sich nach und nach. Historische Ereignisse werden nicht isoliert dargestellt, sondern in Beziehung zu aktuellen Entwicklungen gesetzt. Überzeichnet fand ich das Buch in der Darstellung lesbischer Beziehungen, deren Selbstverständlichkeit mir im historischen Kontext nicht immer zeitgemäß erschien. Auch die Entwicklung der familiären Beziehungen wirkte auf mich teilweise zu konstruiert, als sollte die Handlung unbedingt in einem Happy End münden. Das wäre bei all der Dramatik der Schicksale kaum nötig, so dass der Roman seine ideelle Botschaft für mein Empfinden in dieser Beziehung zu stark vor sich her trägt.
Besonders bewegt hat mich die Stärke der einzelnen handelnden Personen, die sich nicht immer aus einer besonderen Tugend- und Heldenhaftigkeit speist, sondern ein fehlbares Menschenbild zeichnet. Die Charaktere sind in sich schlüssig konstruiert. Insbesondere gut aufgezeigt wird, dass selbstverständlich auch jüdische Menschen menschlich sind und zugleich besonders gefährdet dafür, für Fehler und in schwierigen Situationen mit antisemitischen Zuschreibungen verurteilt zu werden.
Sehr eindrücklich wird deutlich, dass die in Deutschland lebenden Jüdinnen und Juden der 1930er-Jahre selbstverständlicher Teil der Gesellschaft waren. Sie fühlten als Deutsche verwoben in Freundschaften, Familien und Liebesbeziehungen. Die nationalsozialistische Verfolgung zerstörte nicht nur unzählige Leben, sondern auch gewachsene Beziehungen und Zukunftspläne. Neben Trauer, Wut und Verzweiflung finden sich in „Ozean“ jedoch auch Solidarität, Mut und die Möglichkeit von Versöhnung. Gerade darin liegt für mich eine der zentralen Botschaften dieses Romans.
Ich habe das Buch am Stück lesen können und vergebe hier wegen der soghaften Erzählung gern 4,5 Sterne.