Pausetaste mit ungenutztem Potenzial
Schon das Cover von Lena Kupkes Debütroman „Pause“ erzeugt ein Gefühl, als würde die Welt gemeinsam mit der Frau kurz innehalten. Das Bild strahlt Ruhe und Nachdenklichkeit aus, wie sie so im Schlafanzug mit (vermutlich) einer Teetasse dasitzt und zu den beiden Monden nach oben sieht. Der abstrakte Stil macht es leicht, sich damit zu identifizieren, was die emotionale Ebene stärker betont. Sympathisch ist, dass die Autorin das Motiv im Buch bereits beschreibt: Auf Seite 229 entwirft die Hauptfigur Hanna, eine Illustratorin in ihren Mittdreißigern, ein vom Orange des Hintergrunds bis zu den zwei Monden fast identisches Cover für ein Tagebuch. Alle Gefühle und Gedanken sollen darin Platz haben. Letztlich beschreibt das Hannas eigenes Bedürfnis, ihre Gedanken und Gefühle zu teilen und vor allem auszusprechen – immerhin bleibt im Zwischenmenschlichen in Hannas Leben so viel ungesagt. Und an dieser Stelle des Buches hat Hanna ihre Situation bereits so reflektiert, dass sie erkennt, dass man manches im Leben nicht mit sich selbst ausmachen kann und Unterstützung braucht, um diese Dinge zu verarbeiten. Denn sonst drückt der Körper irgendwann die Pausetaste, weil man es selbst nicht macht. Und genau so beginnt das Buch: Hanna kippt mitten in einem Meeting um und wacht im Krankenhaus wieder auf. Da sie starke Beruhigungsmittel erhalten hat, darf sie die Notaufnahme nur in Begleitung verlassen. Doch weder Paul, ihr Partner, noch ihre Berliner Freunde haben Zeit, sie abzuholen oder sich um sie zu kümmern. Hanna ruft ihre Eltern an und ehe sie sich versieht, findet sie sich in ihrem alten Kinderzimmer zu Hause in Lüneburg wieder. Nur für eine Nacht – denkt Hanna.
Damit beginnt Hannas „Pause“ – oder vielmehr eine Reise, die sie zunächst ein paar Schritte zurückführen muss: Sie wohnt bei ihren Eltern, geht durch die Straßen ihrer Kindheit, trifft alte Nachbarn und ehemalige Mitschüler:innen. Zunächst nimmt Hanna diese Wendung in ihrem Leben sehr widerwillig hin, will so schnell wie möglich wieder zurück nach Berlin, zu ihrem Freund, ihrem Job und ganz weit weg von der Kleinstadt, der sie doch eigentlich den Rücken zugekehrt hatte. Als sie realisiert, dass Berlin sie nicht zu vermissen scheint, beginnt sie, sich auf ihre Situation im elterlichen Haus einzulassen und geht damit langsam wieder vorwärts.
Während sie sich an den Rhythmus ihrer Eltern anpasst, beginnt Hanna, sich selbst wieder wahrzunehmen, Gefühle zuzulassen und diese nicht länger durch Arbeit, Yoga oder Schlafmittel zu regulieren. Ein Ventil scheint sich zu öffnen und sie beginnt auch von ihrer Umwelt mehr einzufordern, was sich zum Beispiel in Kapitel 6 im Streit mit ihrer Schwester zeigt, als Hanna ihr vorwirft: „Du bist nicht einmal zu mir gekommen. Keiner von euch ist gekommen! Keiner von euch hat richtig mit mir gesprochen!“ Ein Termin bei der Hausärztin gibt ihr erstmals bewusst Raum, sich zu öffnen, alle ihre Probleme und Ängste an jemanden zu adressieren, der zuhört und nachfragt. Ich glaube, das ist der Punkt, an dem Hanna wieder beginnt, eine Perspektive zu sehen, anstatt einfach nur irgendwie weiterzumachen.
Lena Kupke gelingt es gut, die Ambivalenz der Mutter-Tochter-Beziehung zu zeigen. In flüssiger Sprache und relativ kleinen Gesten macht die Autorin deutlich, wie schwer es beiden fällt, einander nah zu sein. Die Beziehung funktioniert ja gut in ihrer Distanz und den gelegentlichen Feiertagsbesuchen, denn „Im Einandervermissen sind wir sehr gut.“ (S. 61), weiß Hanna. Vor allem die Mutter weicht ungern vom gewohnten Tagesablauf ab, so ist es meistens auch der Vater, der Hanna darin bestärkt, zu bleiben. Die Nebenfiguren, ob Familie oder Lokalkolorit, sind jedoch sehr überzeichnet, was mir insgesamt nicht ganz so gut gefallen hat. Ja, im ländlichen Raum wird öfter der Rasen gemäht und die Nachbarn wissen, wer wann was wo und warum macht. Vielleicht ging es der Autorin darum, diesen Kontrast zu betonen, der im Gegensatz zur Anonymität einer Großstadt steht. Oder die Absicht liegt eine Metaebene tiefer. Denn obwohl Berlin keine Hilfe für Hanna bietet, ist es ihre Familie in Lüneburg, in der es am liebsten so zu sein scheint, dass jeder seine Probleme mit sich selbst ausmacht. Quasi ebenso oberflächlich wie Berlin.
Zudem erscheinen mir manche Dinge etwas beliebig. Die sympathische Nachbarin Helen, die Hanna zur richtigen Zeit einfühlsame Unterstützung bietet, ist wunderbar und ich wünschte, jeder hätte eine Helen, wenn er eine braucht. Dennoch scheint sie von der „Love“-Anrede über ihren Hund George bis zum Cottage Garden einem englischen Countryside-Magazin entsprungen. Auch Menschen, die Hanna aus ihrer Teenagerzeit kennt, leben im Kleinstadtfieber, sei es die Verkäuferin bei Ernsting’s, der Kellner in der lokalen Kneipe, die ehemalige Mitschülerin mit ihrem Kinderwagen oder die Postangestellte. Ebenso ging es mir mit dem seitenlangen Fragenkatalog für Hannas Reha. Die zugehörige Untersuchung ist genauso unangenehm wie Hannas Beziehung zu ihrem Freund Paul. Umso überraschender war die Reaktion des Arztes nach ihrem Ausbruch. Mal ganz davon abgesehen, dass mir dieser Ablauf wenig realistisch vorkam. Doch Berlin kommt ebenso wenig gut weg, allen voran Hannas unleidiger Freund Paul, der sie weder im Krankenhaus besucht noch auch nur entferntes Interesse an Hannas Situation zu haben scheint. Sonst bleibt Paul allerdings ziemlich blass, wenn man von seinen emotional fragwürdigen Nachrichten und seinem höchst pathetischen Abschiedsbrief einmal absieht. Auch Blanca, eine befreundete Illustratorin, lebt als Berliner Freigeistin den Traum der Unabhängigkeit, egal ob Job oder Beziehungen. Sie und Hanna tauschen monologische Sprachnachrichten aus, die vielleicht ein Hinweis auf Hannas Sprachlosigkeit gegenüber ihren eigenen unverarbeiteten Gefühlen sind. Da sich auch diese Beziehung überhaupt nicht weiterentwickelt, bleibt es bei Mutmaßungen und individuellen Interpretationen. Und so ähnlich geht es mir mit den meisten Figuren: Die Absicht dahinter ist erkennbar, aber die Umsetzung ist für mich oft nicht gut gelungen.
Dabei gab es auch stärkere Szenen, wie zum Beispiel Hannas Gedankenkarussell, als sie sich bei der Hausärztin vorstellt (S. 129/130). Ihre Überlegungen, „welche Art Patientin ich sein möchte“ und wie Hanna abwägt, wie die eine oder andere Information aufgenommen werden könnte, sagen ganz viel über ihr Selbstbild und ihre Glaubenssätze aus – ob anerzogen oder erlernt. Und wie die Ärztin Hannas Gedanken unterbricht, indem sie ganz pragmatische Fragen stellt und Hanna letztlich dazu bringt, endlich mal die ganze Geschichte herauszulassen. „Pause“ trifft den Zeitgeist und das kollektive Ohnmachtsgefühl einer immer schneller werdenden Welt so genau, dass ich mir an manchen Stellen mehr von diesem Roman gewünscht habe. Die Szene bei der Hausärztin hat mir kurz das Gefühl gegeben, dass genau dieses Mehr möglich gewesen wäre.
Damit beginnt Hannas „Pause“ – oder vielmehr eine Reise, die sie zunächst ein paar Schritte zurückführen muss: Sie wohnt bei ihren Eltern, geht durch die Straßen ihrer Kindheit, trifft alte Nachbarn und ehemalige Mitschüler:innen. Zunächst nimmt Hanna diese Wendung in ihrem Leben sehr widerwillig hin, will so schnell wie möglich wieder zurück nach Berlin, zu ihrem Freund, ihrem Job und ganz weit weg von der Kleinstadt, der sie doch eigentlich den Rücken zugekehrt hatte. Als sie realisiert, dass Berlin sie nicht zu vermissen scheint, beginnt sie, sich auf ihre Situation im elterlichen Haus einzulassen und geht damit langsam wieder vorwärts.
Während sie sich an den Rhythmus ihrer Eltern anpasst, beginnt Hanna, sich selbst wieder wahrzunehmen, Gefühle zuzulassen und diese nicht länger durch Arbeit, Yoga oder Schlafmittel zu regulieren. Ein Ventil scheint sich zu öffnen und sie beginnt auch von ihrer Umwelt mehr einzufordern, was sich zum Beispiel in Kapitel 6 im Streit mit ihrer Schwester zeigt, als Hanna ihr vorwirft: „Du bist nicht einmal zu mir gekommen. Keiner von euch ist gekommen! Keiner von euch hat richtig mit mir gesprochen!“ Ein Termin bei der Hausärztin gibt ihr erstmals bewusst Raum, sich zu öffnen, alle ihre Probleme und Ängste an jemanden zu adressieren, der zuhört und nachfragt. Ich glaube, das ist der Punkt, an dem Hanna wieder beginnt, eine Perspektive zu sehen, anstatt einfach nur irgendwie weiterzumachen.
Lena Kupke gelingt es gut, die Ambivalenz der Mutter-Tochter-Beziehung zu zeigen. In flüssiger Sprache und relativ kleinen Gesten macht die Autorin deutlich, wie schwer es beiden fällt, einander nah zu sein. Die Beziehung funktioniert ja gut in ihrer Distanz und den gelegentlichen Feiertagsbesuchen, denn „Im Einandervermissen sind wir sehr gut.“ (S. 61), weiß Hanna. Vor allem die Mutter weicht ungern vom gewohnten Tagesablauf ab, so ist es meistens auch der Vater, der Hanna darin bestärkt, zu bleiben. Die Nebenfiguren, ob Familie oder Lokalkolorit, sind jedoch sehr überzeichnet, was mir insgesamt nicht ganz so gut gefallen hat. Ja, im ländlichen Raum wird öfter der Rasen gemäht und die Nachbarn wissen, wer wann was wo und warum macht. Vielleicht ging es der Autorin darum, diesen Kontrast zu betonen, der im Gegensatz zur Anonymität einer Großstadt steht. Oder die Absicht liegt eine Metaebene tiefer. Denn obwohl Berlin keine Hilfe für Hanna bietet, ist es ihre Familie in Lüneburg, in der es am liebsten so zu sein scheint, dass jeder seine Probleme mit sich selbst ausmacht. Quasi ebenso oberflächlich wie Berlin.
Zudem erscheinen mir manche Dinge etwas beliebig. Die sympathische Nachbarin Helen, die Hanna zur richtigen Zeit einfühlsame Unterstützung bietet, ist wunderbar und ich wünschte, jeder hätte eine Helen, wenn er eine braucht. Dennoch scheint sie von der „Love“-Anrede über ihren Hund George bis zum Cottage Garden einem englischen Countryside-Magazin entsprungen. Auch Menschen, die Hanna aus ihrer Teenagerzeit kennt, leben im Kleinstadtfieber, sei es die Verkäuferin bei Ernsting’s, der Kellner in der lokalen Kneipe, die ehemalige Mitschülerin mit ihrem Kinderwagen oder die Postangestellte. Ebenso ging es mir mit dem seitenlangen Fragenkatalog für Hannas Reha. Die zugehörige Untersuchung ist genauso unangenehm wie Hannas Beziehung zu ihrem Freund Paul. Umso überraschender war die Reaktion des Arztes nach ihrem Ausbruch. Mal ganz davon abgesehen, dass mir dieser Ablauf wenig realistisch vorkam. Doch Berlin kommt ebenso wenig gut weg, allen voran Hannas unleidiger Freund Paul, der sie weder im Krankenhaus besucht noch auch nur entferntes Interesse an Hannas Situation zu haben scheint. Sonst bleibt Paul allerdings ziemlich blass, wenn man von seinen emotional fragwürdigen Nachrichten und seinem höchst pathetischen Abschiedsbrief einmal absieht. Auch Blanca, eine befreundete Illustratorin, lebt als Berliner Freigeistin den Traum der Unabhängigkeit, egal ob Job oder Beziehungen. Sie und Hanna tauschen monologische Sprachnachrichten aus, die vielleicht ein Hinweis auf Hannas Sprachlosigkeit gegenüber ihren eigenen unverarbeiteten Gefühlen sind. Da sich auch diese Beziehung überhaupt nicht weiterentwickelt, bleibt es bei Mutmaßungen und individuellen Interpretationen. Und so ähnlich geht es mir mit den meisten Figuren: Die Absicht dahinter ist erkennbar, aber die Umsetzung ist für mich oft nicht gut gelungen.
Dabei gab es auch stärkere Szenen, wie zum Beispiel Hannas Gedankenkarussell, als sie sich bei der Hausärztin vorstellt (S. 129/130). Ihre Überlegungen, „welche Art Patientin ich sein möchte“ und wie Hanna abwägt, wie die eine oder andere Information aufgenommen werden könnte, sagen ganz viel über ihr Selbstbild und ihre Glaubenssätze aus – ob anerzogen oder erlernt. Und wie die Ärztin Hannas Gedanken unterbricht, indem sie ganz pragmatische Fragen stellt und Hanna letztlich dazu bringt, endlich mal die ganze Geschichte herauszulassen. „Pause“ trifft den Zeitgeist und das kollektive Ohnmachtsgefühl einer immer schneller werdenden Welt so genau, dass ich mir an manchen Stellen mehr von diesem Roman gewünscht habe. Die Szene bei der Hausärztin hat mir kurz das Gefühl gegeben, dass genau dieses Mehr möglich gewesen wäre.