Tolles Debüt!

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Eher unfreiwillig kehrt Hanna nach einem unerwarteten und vor allem einschneidenden Zusammenbruch in ihre Heimat in Lüneburg zurück, in ihr altes Kinderzimmer, das nun als Büro für den Vater dient. Und schnell wird sie daran erinnert, wie es auch schon in ihrer Kindheit und Jugend war – eine eingefahrene Familienstruktur, in der man eher nebeneinander als miteinander lebt und in der Konflikte weggelächelt als besprochen werden. Dabei hätte Hanna genau das nun gebraucht – ein liebevolles Nest, in dem sie wieder zu sich finden kann.
Mir hat dieser Debütroman wirklich gut gefallen! Es ist ein ernster Stoff, der aber durch einige schräge Momente aufgelockert wird, so dass ich zwischendurch auch schmunzeln musste. Ich konnte Hannas Schmerz und ihre Verzweiflung physisch spüren; besonders die Schilderungen ihrer Panikattacken sind Lena Kupke hervorragend und ohne falsches Pathos gelungen. Es ist schon bedrückend mitzuerleben, wie Hanna versucht, ihre Wunden zu heilen, während sie gleichzeitig gegen die Mauer des Schweigens bei ihren Eltern anrennt. Diese Einsamkeit im vertrauten Umfeld hat mich sehr bewegt.
Die Charaktere sind gut gezeichnet, auch wenn die Eltern an einigen Stellen etwas stereotyp wirken; dafür aber ist ihr Zusammenspiel absolut treffend eingefangen; und obwohl überzogen dargestellt doch auch glaubhaft. Ich fand es berührend zu sehen, wie Vater und Mutter als eingespieltes Team funktionieren, solange nichts die Routine stört. Die Mutter, die jedes kritische Wort mit einem Lächeln und Geschäftigkeit wegwischt, und der eher wortkarge Vater, der in seinem eigenen Rhythmus lebt, machen es Hanna fast unmöglich, sich mitzuteilen. Auch Hannas Schwester Sara ist da nicht aners – die Familie hat nie gelernt, über Probleme zu sprechen und damit Entlastung zu schaffen. Und genau diese Unfähigkeit ist einerseits anstrengend, zugleich aber auch authentisch.
Der Schreibstil ist angenehm modern, schnell und lässt sich flüssig lesen. Er fängt die Atmosphäre und vor allem die unterschiedlichen Stimmungen sehr gut ein, ist dabei aber nicht zu emotional oder gar blumig. Es gibt einige Wendungen, die ich nicht erwartet habe, nicht ganz so glaubhaft fand ich aber die Tinder-Bekanntschaft von Hanna. Das Ende habe ich dann wieder sehr gelungen empfunden - es ist versöhnlich, verliert sich aber nicht in einer unrealistischen Heile-Welt-Lösung. Es passt zur restlichen Geschichte: ehrlich, ein bisschen schmerzhaft, aber mit einem hoffnungsvollen Ausblick.