Wunderbare Unterbrechung

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leylin Avatar

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Das Cover ist farbtechnisch äußerst ansprechend gestaltet und die eingeprägten Buchstaben auf dem Schutzumschlag verleihen zusätzlich optischen Anreiz.
Hanna lebt in Berlin und arbeitet dort als Illustratorin. Als sie jedoch bei einer Präsentation zusammenbricht und im Krankenhaus landet, zieht sie übergangsweise wieder bei ihren Eltern in Lüneburg ein – zurück in ihr altes Kinderzimmer, zurück an einen Ort, der eigentlich Sicherheit geben sollte und doch voller unausgesprochener Spannungen steckt. Was als kurze Pause gedacht ist, wird zu einem längeren Stillstand, in dem plötzlich alles infrage steht.
Während ihres Aufenthalts trifft Hanna auf Menschen aus ihrer Schulzeit, denen sie zunächst ablehnend begegnet. Doch genau darin liegt eine der leisen Fragen des Romans: Muss sie vielleicht ihre selbst auferlegten Prinzipien überdenken, um wieder Zugang zu sich und anderen zu finden?
Kupke seziert das Beziehungsgeflecht der Familie mit hoher Präzision und zeigt eindrücklich, wie alte Muster sofort wieder greifen, sobald man die Türschwelle überschreitet. Hanna knallt Türen, igelt sich ein, stößt an das konsequente Vermeidungsverhalten ihrer Eltern – und auch die Auseinandersetzungen mit ihrer Schwester Sara wirken weniger wie erwachsene Konflikte, sondern wie zwei pubertierende Mädchen, die in alten Dynamiken feststecken. Genau das macht die Figuren so glaubwürdig und nahbar. Die Autorin schafft es, durch die realitätsgetreuen Darstellungen der Charaktere und der Interaktionsmuster, die Leserschaft emotional mitschwingen zu lassen.
Der Roman lebt nicht von großen Wendungen, sondern von den leisen Zwischentönen. Lena Kupke schreibt nah an ihrer Protagonistin und schafft es, Überforderung, innere Unruhe und dieses Gefühl des „Nicht-mehr-Funktionierens“ greifbar zu machen. Gleichzeitig blitzt immer wieder ein trockener, ehrlicher Humor auf, der die Schwere auffängt, ohne sie kleinzureden.
Die Geschichte fließt ruhig vor sich hin und hat mich dabei vollumfänglich mitgenommen. Stück für Stück wird deutlich, dass Hanna bereits schwere Einschläge in ihrem Leben erlebt hat – was genau dahintersteckt, kristallisiert sich jedoch erst nach und nach heraus und verleiht dem Roman zusätzliche Tiefe.

Fazit:
Ein ruhiger, feinfühliger Roman über mentale Erschöpfung, Rückzug und das vorsichtige Wiederannähern an sich selbst. Kein Buch für große Spannung, sondern für leise Momente – aber genau darin sehr treffend und sehr nahbar. Eine klare Leseempfehlung für alle, die Geschichten mögen, die weniger passieren lassen und dafür umso mehr fühlen lassen. Ich wollte den Roman gar nicht beenden um das wohlige Gefühl nicht loslassen zu müssen und kann demnach Caroline Wahl nur zustimmen, denn sie sagte: "Dieses Buch ist wie eine feste Umarmung, nachdem es einen richtig zerlegt hat."