Ein Mann und 17 Hunde

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barbara62 Avatar

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Ein Leben lässt sich anhand von Wohnorten, Tätigkeiten oder Reisen erzählen oder, wie im Falle des ebenso berühmten wie gefürchteten englischen Kunstkritikers Brian Sewell (1931 – 2015), anhand von Haustieren. Ab dem vierten Lebensjahr bis zu seinem Tod lebte er mit Hunden zusammen, eine weltkriegsbedingte Unterbrechung zwischen 1939 und 1945 ausgenommen. Sie hießen, "Penny, Prince und Ginny", wie Buchtitel verrät, aber auch Susie (Susannah), Hecate, Schubert, Gamage, Spinoza, Trollop, Titian, Mrs Macbeth, Mop (Mopsuestia), Nusch, Winck (Winkelmann), Jack (Giacometti), Lottie oder Gretel, wobei die Namensfindung im Freundeskreis stets ein besonderer intellektueller Spaß war.

Es waren meist Mischlinge, überwiegend aufgegebene Tiere, und nur ein Whippet, eine Rasse, der Brian Sewells besondere Sympathie galt, hatte einen Stammbaum. Sie waren schön oder hässlich, hochintelligent oder dumm, fröhlich oder missvergnügt, verfressen oder wählerisch, aufsässig oder folgsam, in jedem Fall ausgeprägte Persönlichkeiten mit unverwechselbaren Charakteren. Nicht alle liebte er gleichermaßen hingebungsvoll und litt darunter, wenn er es nicht konnte.

Alles für die Hunde
Brian Sewell stellt die Hunde, nicht sich selbst, in den Mittelpunkt seines 2013 erschienen, nur 180 Seiten umfassenden Buches, das nun in der stilgerechten Übersetzung von Claudia Feldmann auf Deutsch vorliegt. Der englische Originaltitel "Sleeping with Dogs" weist auf eine unter Hundehaltern umstrittene Eigenheit des Exzentrikers Brian Sewell hin: Er legte großen Wert darauf, sein Bett mit den Hunden zu teilen. Bei Tisch erhielten sie grundsätzlich ihre Happen, gelegentlich fütterte er sie mit Schokolade und Keksen. Als er in London ein Haus ohne Garten bewohnte, legte er die Kadaver in einen Weidenkorb auf der Dachterrasse. Im Garten seines letzten Hauses in Wimbledon erhielten sie, genau wie die exhumierten Knochen früherer Hunde, zwei eigens gepflanzte Bäume bzw. einen steinernen Sarkophag mit der Inschrift „DOMINICANES“ (Gottes Hunde). Zimperlichkeit in Bezug auf Ausscheidungen und Gerüche aller Art war ihm fremd, weshalb ich bei der Lektüre froh war, ihn nur lesend zu besuchen.

In "Penny, Prince und Ginny" erzählt Brian Sewell von lustigen und traurigen Hundeerlebnissen, langen Spaziergängen durch Londoner Parks mit bis zu sechs Hunden an den Leinen, Begegnungen mit Tierärzten, die zu seinen wichtigsten Helfern wurden, und der Trauer beim Tod seiner langjährigen Gefährten, die jedes Mal schlimmer wurde.

13 Kapitel, dazu Vorwort, Coda und Danksagung, widmet Brian Sewell seinen Hunden und kann über sie ebenso hingebungs- und humorvoll schreiben wie über Kunst und Kunstschaffende, allerdings deutlich nachsichtiger. Zugute kommt ihm eine beeindruckend genaue Beobachtungsgabe und deren präzise sprachliche Umsetzung, die mir besonders bei den Beschreibungen der zwischenhündischen Interaktionen in immer neu zusammengesetzten Gruppen gefiel.

Wunderschön illustriert, amüsant und unterhaltsam zu lesen
Ein besonderer Genuss sind die feinen Strichzeichnungen von Sally Ann Lasson, die bereits Brian Sewells britisch-skurriles Büchlein "Pawlowa oder Wie man eine Eselin um die halbe Welt schmuggelt" charmant und absolut passend illustriert hat.

Das Buch endet kurz vor Brian Sewells Tod, als er sich krankheitsbedingt die Betreuung seiner letzten beiden Hunde mit einem Freund teilte. Man erfährt leider nicht, ob sich sein letzter Wunsch nach einem Tod im eigenen Bett, umgeben von seinen Hunden, erfüllte.

Ein unterhaltsames Büchlein, ein ideales Geschenk für Hundefans und alle, die Tiere mögen, oder die Begeisterung dafür verstehen möchten.