Vereinzelung vs. Inklusion

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madame_f Avatar

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„Pina fällt aus“ entfaltet seine Wucht fast beiläufig, aber zugleich so präzise. Der Alltag von Pina und ihrem erwachsenen Sohn Leo ist choreografiert. Frosties bis zur exakt halben Schüsselhöhe, der Bus, der nur eine Zigarettenlänge wartet. Rituale als Stützpfeiler in einer Welt, die für Leo schnell zu laut, zu grell, zu viel wird.
Mit meinem psychotherapeutischen Blick lese ich diese Szenen als ein fein beobachtetes Protokoll gelingender Co-Regulation. Pina ist Übersetzerin, Filter, Außenhaut. Sie sortiert, dosiert, puffert. Wenn ein Gedanke bei Leo „klemmt“, findet sie Bilder, die entlasten. Der Automat mit der hängen gebliebenen Tüte. Ordnung schaffen mit Wattestäbchen. Das sind keine Tricks, das ist Beziehungskompetenz. Und zugleich ist es ein Leben im permanenten Alarmzustand. Pina darf nicht ausfallen. Nicht krank werden. Nicht sterben. Es ist so schön beschrieben, wie diese Gedanken über allem liegen und machen den Druck, den Pina täglich trägt, aber wahrscheinlich kaum anerkennen kann, so deutlich.
Berührend ist auch, wie schon jetzt Vereinsamung und Vereinzelung in der Hansastraße angedeutet wird. Die Nachbarin mit der kahlrasierten Wut, Harry mit seiner Filter-Zigarette, Inge mit den Horoskopen. Viele Menschen, viel räumliche Nähe, aber wenig wirkliche Verbindung. Jede Figur bleibt ihre eigene Insel.
Trotzdem liegt in diesen Kapiteln auch eine leise Hoffnung auf Solidarität. Der Inge-Tag mit dem knappen Zeitraum, in dem Pina durchatmen kann. Und dieser Moment, in dem Leo und Pina gemeinsam Wattestäbchen zurück in die Dose legen, zeigt sehr nahegehend, dass Inklusion dort beginnt, wo man nicht fragt, warum jemand „so“ ist, sondern was er braucht, um da sein zu können.
Ich ahne (und hoffe), dass der angekündigte Einschnitt nicht nur Verlust bedeuten wird. Vielleicht zwingt Pinas Ausfall die Nachbarschaft, sich zu bewegen. Vielleicht wird daraus doch noch ein tragfähiges Band. Und vielleicht zeigt dieser Roman, dass Gemeinschaft kein großes Programm braucht, sondern Menschen, die einander sehen. Ich würde mich auf jeden Fall sehr freuen, Pinas und Leos Geschichte verfolgen zu können.