„Behindert ist nicht die kaputte Version von normal, weißt du.“

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gkw Avatar

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Das ist der Gau. Alleinerziehend mit behindertem Kind und dann von heute auf morgen ohne Vorplanung und Vorbereitung ins Krankenhaus und dein Kind ist allein zu Hause.
Ein schweres Thema, aber wunderbar umgesetzt mit Leichtigkeit, Authentizität und auch auf Humor wurde nicht verzichtet.
Wir begegnen in diesem Buch einer bunten Truppe von Personen, überwiegend etwas skurril.
Da ist Leo mit seinen eigenartigen Gewohnheiten. Autismus hat sehr viele Varianten. Mit Leo zeigt Vera Zischke eine mögliche Ausprägung und sie kennt sich aus damit, sie ist selbst Mutter eines autistischen Kindes. Leo hat bizarre Angewohnheiten, Pina kennt und respektiert sie, so gibt sie ihm Sicherheit und Halt. Wir lernen ihn kennen über seine Äußerungen und Verhaltensweisen. Was in ihm vorgeht, wird man letztlich nicht wissen.
Da ist Inge, 86, die eigentlich nur noch auf den Tod wartet und ihre Wohnung seit Jahren nicht mehr verlassen hat.
Da ist Wojtek, ein Mitdreißiger aus Polen, der sehr einsam ist. Er sammelt Kristallfiguren. Die bestellt er bei der in Russland lebenden Jurika, er hat sich in sie verliebt. Sie chatten regelmäßig wegen dieser Figuren und das sind die schönsten Momente seines Lebens.
Da ist Alina, 16, die Tochter des Hausbesitzers. Sie nennt sich Zola, weil das zorniger klingt. Die Schule hat sie abgebrochen und geht auch nicht mehr zu der Lehre, in die der Vater sie gezwungen hat. Eigentlich möchte sie nichts anderes als tagsüber schlafen und nachts zocken. Abgesehen davon spürt sie nur Wut, auf alle und alles.

Nichts verbindet die Hausbewohner miteinander, aber sie geraten nun unvermittelt in die Situation, sich um Leo kümmern zu müssen. Das wollen sie nicht, aber es gibt keine Lösung, da er alleingelassen mit seinen Ängsten schreit.
So fangen sie an, zunächst mit Widerwillen und sie machen viele Fehler. Aber manches funktioniert dann nach Tagen. Dabei lernen sie nicht nur Leo kennen, sondern auch sich gegenseitig und vor allem sich selbst. Und sie merken, dass sie nicht nur Leo guttun, sie fühlen sich auch selbst besser.

Vera Zischke schreibt klar und doch warmherzig. Man ist den Personen, die sie entworfen hat, gleich so nah, dass man mit dem Lesen nicht mehr aufhören kann, man will weiter bei ihnen sein.
Das Buch zeigt sehr deutlich den Alltag einer pflegenden Mutter, die Liebe auf der einen Seite, aber auch Druck, Anspannung und Überforderung auf der anderen Seite. Es gibt einen Einblick in die Lebenswelt eines Autisten, weckt Verständnis und Interesse.
Es geht um Einsamkeit und Gemeinschaft, um Perspektivlosigkeit und Hoffnung, um Ausgrenzung und Inklusion. Das Buch zeigt, wie Zusammenhalt und Verantwortung füreinander die Welt verbessern können.
Und vor allem fordert es uns auf, alle Menschen in ihrer Einzigartigkeit zu sehen, mit und ohne Behinderung.
Wenn ich ein Wort nicht mag, dann ist es „berührend“, aber dennoch bleibt mir hier nichts anderes übrig als zusammenzufassen: sehr berührend. Gerne hätte ich die Hausgemeinschaft länger begleitet. Oder vielleicht könnte ich auch einziehen?