Drei Vögel und ein Störstein: Absolutes Highlight!

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downey_jr Avatar

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Pina ist alleinerziehende Mutter. Ihr zwanzigjähriger Sohn Leo lebt in seiner ganz eigenen Welt, die außer ihm nur Pina kennt. Daher gilt Pinas erster Gedanke natürlich auch Leo und seiner Versorgung, als sie eines Tages mitten auf der Straße zusammenbricht. Doch erstmal liegt sie hilflos auf der Intensivstation – was soll nun aus Leo werden?
Der war zur Zeit des Unfalls bei der 89jährigen Rentnerin Inge ungebracht, für die Pina einkaufen wollte. Inge ist mit Leos Rhythmus ebenso überfordert wie der isoliert lebende Wojtek und die 16jährige Schualbbrecherin Zola. Es kann doch nicht sein, dass diese Hausbewohner sich nun um Leo kümmern sollen? Doch Leo braucht sie – und nach und nach und nach merken sie, dass auch sie Leo brauchen.

„Es ist eine Aufgabe, denkt Inge. Es ist eine große Aufgabe, die Welt für jemanden passend zu machen, die nicht für ihn geschaffen ist. Und da sind sie nun. Eine alte Frau, ein wütendes Mädchen und ein Einsiedler, das ist alles, was diesem Jungen bleibt. Drei schräge Vögel.“

„Pina fällt aus“ ist ein Roman, der meine Erwartungen bei weitem übertroffen hat. Man schwankt beim Lesen permanent zwischen Lachen und Weinen. Vera Zischke hat mich mit ihrem klugen Roman und dieser spürbaren Warmherzigkeit total begeistert! Sie schreibt so kluge und herzerwärmende Sätze wie „Behindert ist nicht die kaputte Version von normal.“ und „Leo ist Teil dieser Welt wie alle anderen auch. Ich will nicht, dass er versorgt ist. Ich will, dass er dazugehört.“ – ich könnte hier noch endlos mehr zitieren, so viele wunderbare Stellen habe ich mir während des Lesens markiert.

„Als Leo von der Toilette zurückkommt, sind alle Blicke auf ihn gerichtet, als wäre er ein besonders interessantes Exponat. Er gibt Wojtek den Schlüssel, der reicht ihn der Thekenkraft rüber. »Willst du wirklich nichts essen?«, fragt er, aber Leo marschiert schon zur Tür raus.
Als er den Laden verlässt, verfolgt von den stummen Blicken aller Anwesenden, wird Wojtek klar, dass dies die Welt ist, wie sie Leo begegnet.
Sie hätten ihn ansprechen können. Auch im Bus hätte der Fahrer mit Leo sprechen können. Er hätte ihn fragen können, warum er unbedingt auf diesen Sitz wollte. Vielleicht hätte es geholfen. Auch er, Wojtek, hätte ihn vieles fragen können. Zum Beispiel, wie es ihm geht ohne seine Mutter. Warum ist er nie auf die Idee gekommen, ihn danach zu fragen oder überhaupt irgendetwas?“

Leo ist ein wunderbarer Charakter („Er sieht sie abwartend an, mit diesem tiefen Blick aus ernsten Augen, und da ist er, der Moment, der immer viel zu kurz ist. Für den Bruchteil einer Sekunde kann sie alles sehen: die Erschöpfung, die Ratlosigkeit. Für ihn ist das alles auch nicht leicht.“);
aber auch Pina („Es ist nicht nur eine Bürde, weißt du. Es ist auch ein Privileg. Leo hat mir Zutritt zu einer Welt verschafft, die die meisten Menschen niemals betreten. Ich habe mehr von ihm gelernt als von allen anderen Menschen auf der Welt.“), Zola, Inge, Wojtek und sogar Pfleger Sam sind mir mit jeder gelesenen Seite immer mehr ans Herz gewachsen.

Der Roman vereint wichtige Themen wie Care Arbeit, Überforderung, Health Care, Behinderung und Inklusion auf einmalige Art; die Autorin balanciert meisterhaft zwischen feinem Humor und emotionaler Tiefe.

„Sie schweigt lange, Bernd kommt es vor wie eine Ewigkeit. Irgendwann fängt er an, in seinem Kopf die Sekunden zu zählen. Bei hundertachtzig sagt sie: »Weißt du, wie schwer es ist, ein Kind wie Leo vor dem Verschwinden zu bewahren?«
Bernd sieht sie ratlos an und weiß, dass er jetzt etwas sagen sollte, aber ihm fällt nichts ein. Also redet sie weiter. »Regelschule? Nee, das geht nicht. Wir haben doch mit den normalen Kindern schon genug zu tun. Erster Arbeitsmarkt? Wie stellen Sie sich das denn vor, wie sollen wir den auch noch mitschleppen? Sportverein? Nee, sorry, dafür sind wir nicht ausgebildet, dafür reicht der Trainerschein nicht. Alle sind sich einig, dass Menschen wie Leo nicht dazugehören, dass sie Ausnahmen brauchen, Supersonderlösungen, Experten, immer Experten. Alle sind sich einig, dass sie Leo nicht ausschließen, sondern dass er sowieso schon ausgeschlossen ist. Inklusion, das ist immer das, worum sich die anderen kümmern müssen. Weißt du, was Inklusion ist?«

„Pina fällt aus“ ist definitiv eins meiner Jahreshighlights – absolute Leseempfehlung!

Vielen Dank an den Ullstein Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚