Ein junger Mann mit Autismus - und die Vereinsamung Alleinstehender

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Leo ist 20 Jahre alt und hat eine Entwicklungsstörung aus dem Autismus-Spektrum. Der junge Mann wird jeden Tag von einem Fahrdienst zur Arbeit in einer Behindertenwerkstatt abgeholt. Leo braucht seine Mutter ständig als Dolmetscherin für die Welt draußen, und sie muss alles von ihm fernhalten, das ihn so aufregt, dass er mit den Händen wedeln muss. Als Pina in lebensbedrohlichem Zustand zusammenbricht und ins Krankenhaus eingeliefert wird, stellt sich die Frage, wer Leo überhaupt begreiflich machen kann, was passiert ist, und wer Pinas Rolle als Löwin übernehmen kann, die ihr Junges verteidigt. Dass es theoretisch einen Sozialdienst gibt, hilft so wenig wie der Besuch einer Polizeistreife im Haus.

Pinas und Leos Nachbarn zeigen sich als besondere Charaktere, von denen jeder für eine Form von Vereinsamung steht. Inge findet mit über 80 Jahren, dass sie lange genug gelebt hat und erhielt gerade die Aufforderung ihrer Rentenversicherung, zu beweisen, dass sie noch am Leben ist. Wojtek, Sohn von Einwanderern aus Polen, arbeitet im Home-Office und hat ein Problem mit seiner Online-Beziehung nach Jakutien. Die 16-jährige Zola wurde nach ihrem Schulabbruch von ihrem Vater, dem Besitzer des Wohnhauses, ins Haus versetzt, damit sie den Ernst des Lebens begreift. Gemeinsam gelingt es ihnen zwar, Kontakt zu Leo aufzunehmen, Pina allerdings kann noch lange nicht aus der Intensivstation ins Leben zurückkehren. Dort arbeitet der Pfleger Sam mit besonderem Talent für unlösbare Aufgaben – wie der Fall Pina und Leo.

Fazit
Vera Zischke zeigt mit großer Empathie für alle Beteiligten, wie die Symbiose zwischen einer Person mit besonderen Bedürfnissen und der verantwortlichen Betreuerin entsteht. Leos Leben steht erst am Anfang. In Leos Umfeld dauert es, bis seine Helfer erkennen, dass er dringend ein Leben außerhalb seiner Mutter-Sohn-Blase braucht – und wer könnte das besser verwirklichen als dieses bunte Trüppchen. Inges Grübeln, warum manche Menschen nur schwer 13 Geheimnisse in ihrem Leben zusammenbekommen, lässt darüber hinaus in das Thema Vereinsamung Alleinstehender blicken. Warum gibt es für sie Unterstützung nur theoretisch und warum halten wir „das Kümmern“ stets für kompliziert, frage ich mich. Ein berührender Roman, der Einblick ins Denken und die Sprache eines jungen Mannes mit Autismus gibt.