Ganz anders als ihr Debüt, aber gut

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Ganz anders als Vera Zischkes Debüt „Ava liebt noch“ und überhaupt nicht vergleichbar, bin ich auch in diese Geschichte sehr gerne abgetaucht.
Im Mittelpunkt steht Pina, die in ihrem Alltag als pflegende Mutter über sich hinauswachsen muss, um das Leben mit ihrem Sohn Leo zu stemmen. Leo lebt in seiner ganz eigenen Welt, und Pina stellt ihre eigenen Bedürfnisse konsequent hintenan, bis sie schließlich wortwörtlich ausfällt. In dieser Notsituation finden sich die unterschiedlichsten Hausbewohner zusammen, die sich vorher fremd waren: Die alte Inge, die aufmüpfige Teenagerin Zola und der schüchterne Woitek. Gemeinsam bilden sie eine unfreiwillige, aber effektive Helfer-Gemeinschaft, in der jeder auf seine Weise einen Beitrag leistet, damit der Alltag mit Leo nicht im Chaos versinkt.
Mir hat das Thema sehr gefallen, zum einen, weil es als Plot mal etwas ganz anderes war und ich mich persönlich bisher kaum mit dieser Problematik befasst habe. Es war einfach schön mitzuerleben, wie aus diesen sich fremden Hausbewohnern eine echte Gemeinschaft wird, in der jeder seine Stärken einbringt. Dass die Autorin selber eine pflegende Mutter ist, hat man beim Lesen bemerkt – ihre eigenen Erfahrungen hat sie glaubhaft und authentisch in die fiktive Geschichte eingewebt. Und wie schön ist der Gedanke, dass Hilfe oft von dort kommt, wo man sie am wenigsten erwartet. Die Mischung aus der Schwere der Pflege und der Hoffnung, die durch diesen Zusammenhalt entsteht, hat mich während der gesamten Lektüre sehr abgeholt und nachdenklich gestimmt.
Es sind aber die Charaktere, die das Herzstück des Romans bilden und toll und sehr differenziert ausgearbeitet sind. Besonders Seniorin Inge fand ich großartig – eine Frau mit Macken und Ecken, die plötzlich zum „Kopf“ des Teams wird und wieder richtig in Bewegung kommt. Ihr Thema mit den 13 Geheimnissen, die angeblich jeder Mensch besitzt, ist ein wunderbares Detail, das ihr viel Tiefe verleiht und wodurch man auch sie näher kennenlernt. Die 16-jährige Zola hingegen verkörpert perfekt das Gefühl, völlig „lost“ in der Welt zu sein, und findet ausgerechnet über Leo ein Stück weit zu sich selbst. Woitek ist eher unscheinbar und hasst es aufzufallen. Er bildet gerade zu Zola einen spannenden Kontrast, der immer wieder für Dynamik sorgt.
Der 20-jährige Leo, der in seiner eigenen Welt lebt und sich einer eigenen Art der Kommunikation bedient, hat mich sehr bewegt; gerade am Anfang konnte ich seinen Schmerz förmlich spüren. Gerne hätte ich mal einen echten Blick in seine spezifische Wahrnehmung geworfen, die aber bleibt natürlich immer irgendwie ein Rätsel.
Der Schreibstil von Vera Zischke ist klar, prägnant und eher nüchtern, trotzdem aber war ich den Charakteren sehr nah. Die Thematik ist ja eine ernste, gleichzeitig aber hat die Autorin es geschafft, immer wieder Szenen einzubauen, bei denen ich schmunzeln musste – manchmal liegt es an Leos Verhalten oder an seinen Reaktionen, manchmal aber sind es auch alltägliche Situationen, die einfach absurd und damit lustig sind. Gerade wenn Woitek versucht, diskret zu bleiben, was mit einem Jungen wie Leo natürlich völlig unmöglich ist, entstehen Momente, die das Herz wärmen.
Ich fühlte mich der Handlung und den Personen sehr nah, weil die Erzählweise direkt und unverschnörkelt ist. Die Spannung entsteht hier weniger aus äußeren Effekten, sondern aus der Frage, wie diese bunte Truppe es schafft, Leos Bedürfnisse und ihre eigenen Leben unter einen Hut zu bringen und natürlich auch, was mit Pina ist und was sie dazu sagen wird.


Mein Fazit
Vera Zischke ist ein ehrlicher Roman über eine ungewöhnliche Schicksalsgemeinschaft gelungen, der ohne falsches Mitleid auskommt. Mit klarem Stil und viel Gespür für Situationskomik beleuchtet sie den harten, aber auch bereichernden Alltag mit einem besonderen Kind. Die differenzierten Charaktere und die authentische Perspektive machen die Geschichte zu einem berührenden Leseerlebnis, das ich gerne weiterempfehle.