Ich wünschte, wir könnten alle in der Hansastraße wohnen...

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Pina fällt aus von Vera Zischke

Nachdem mir der Debütroman der Autorin (Ava liebt noch) schon unheimlich gut gefallen hatte, war ich etwas nervös, dieses Buch zu lesen, denn die Vorfreude war groß, ebenso wie die Angst vor einer Enttäuschung. Um es vorweg zu nehmen: absolut unbegründet, ich habe Pina fällt aus an einem Vormittag verschlungen 😊.

Im Zentrum des Romans geht es um zwei große Themen: pflegende Elternschaft und die Frage, wie man Menschen, die nicht alleine ihren Alltag bestreiten können, würdevoll begegnet und ihnen das größtmögliche Maß an Selbstbestimmung zugestehen kann.

Als Pina im Krankenhaus landet, müssen die Nachbarn aus dem Mehrparteienhaus einspringen und sich um Leo, ihren zwanzigjährigen, autistischen Sohn kümmern. Schnell wird klar, was das für eine Herausforderung wird und dass alle Beteiligten in irgendeiner Form über sich hinauswachsen müssen, um dieser gerecht zu werden. Dabei sind die Figuren zunächst etwas stereotyp angelegt – vermutlich mit Absicht, denn es geht eben immer wieder darum, stereotypische Vorstellungen kritisch zu hinterfragen. Was mir bei den Charakteren besonders gefallen hat, war, dass jeder eine ganz bestimmte Rolle in der Geschichte übernommen hat und niemand einfach nur so da war, um irgendwelche Lücken zu füllen. Dadurch wirken ihre Handlungen bedeutsam und ihre Entwicklungen authentisch.

Das Buch lässt die Lesenden erahnen, wie vereinnahmend der Alltag von pflegenden Angehörigen ist, auch wenn man das volle Ausmaß sicher erst begreifen kann, wenn man selbst in einer solchen Lage ist. Neben den eher offensichtlicheren Aspekten von Erziehung und Pflege gibt es dann noch all die unnötigen Dinge, die das Leben der Betroffenen zusätzlich erschweren: Bürokratie, Vorurteile, gutgemeinte (aber eben nicht gut gedachte) Ratschläge und ein System, das aus mehr Hürden als Stützen besteht.

All dies bringt das Buch zum Ausdruck, ist dabei aber nicht anklagend, sondern transportiert die Dringlichkeit und die Vehemenz der physischen und psychischen Belastung über die Nähe zur Gefühls- und Gedankenwelt von Pina. Man spürt die Bedrohlichkeit und den Druck und die Ohnmacht, und während man selbst das Buch zur Not weglegen kann, können Menschen wie Pina sich eben nicht so einfach aus der Verantwortung ziehen.

Ein Buch, das zum Nachdenken anregt, aber trotz der teils bedrückenden Thematik eine gewisse Hoffnung verstrahlt und durch liebevoll geschriebene Figuren ein besonders tolles Leseerlebnis bietet – große Empfehlung!